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Kulturerbe und Denkmalpflege: transkulturell

May 23, 2012

"Kulturerbe und Denkmalpflege: transkulturell" war das Thema einer Tagung, die der Exzellenzcluster "Asien und Europa" am Lehrstuhl für Globale Kunstgeschichte in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Theorie und Lehre der Denkmalpflege veranstaltet hat. Die Konferenz bot einen Anstoß über die etablierten Methoden der Denkmalpflege und Architekturgeschichtsschreibung und die nationalstaatlich geprägten Definitionen von Kulturerbe nachzudenken und neue Herangehensweisen zwischen Theorie und Praxis zu testen.

Die Tagung wurde von 29. September bis 1. Oktober 2011 am Lehrstuhl für Globale Kunstgeschichte von Prof. Monica JUNEJA ausgerichtet und von dem Architekt und Kunsthistoriker Michael FALSER organisiert. Juneja und Falser koordinieren gemeinsam das Projekt D12 "Kulturerbe als transkulturelles Konzept". Den Tagungsbericht hat Sandro Scarrocchia (Akademie der Bildenden Künste in Brera/Mailand) verfasst.

Kulturerbe

Die europäische Konzeption des kulturellen Erbes ist fest mit der Herausbildung der Idee des Nationalen verbunden, so auch in der deutschen, italienischen, französischen, englischen und österreichischen Nationenbildung verankert. Denkmalschutz, die Pflege für Monumente, institutionalisierte diesen Prozess, profitierend vom Beitrag bereits etablierter Disziplinen wie Archäologie, Kunstgeschichte und Architektur. Transkulturalität entspringt dem Prozess der Vermischung von (sprachlich wie territorial angeblich fest definierten) Kulturen, der besonders in Transfersituation des (Post)Kolonialismus, der v.a. moderzeitlich sprunghaft angestiegenen Migration ganzer Bevölkerungen und heute mit dem Schlagwort der Globalisierung konzeptionalisiert werden kann. Transkulturalität spannt sich dabei in zwei fundamentale Perspektiven ein: in jene der Subjekte, der Personen aus Fleisch und Blut, die sie eben „am eigenen Leib“ erfahren haben, und jene der transkulturell arbeitenden Wissenschaftler und Forscher. Dazwischen liegen verschiedene Zeitregime, Ereignisse und deren Reflektion, die Objekte, Architekturen, Techniken und Technologien der Produktion von Kulturerbe, bis zu ganzen Kulturlandschaften und den Zeugenschaften insgesamt, sie sich sowohl materiell wie immateriell ausbilden.

Einführung: Das Konzept der Transkulturalität

Qutb-Moschee Delhi (Quelle: Wikimedia)

Nach den Grußworten vom Direktor des Heidelberger Exzellenzclusters, Axel MICHAELS, der auf den transkulturellen Wert buddhistischer Tradition verwies, und von Hans-Rudolf MEIER, Vorsitzender des Arbeitskreises Denkmalpflege (Fakultät für Architektur der Bauhaus-Universität Weimar), der auf den Globalisierungskontext Bezug nahm, stellte der Organisator der Tagung, Michael FALSER, den Rahmen der Veranstaltung vor. Außerdem stellte er die Parameter europäischen Kulturerbes (nationale Territorialität, monumentale Substanz, dichter Raum, homogener Zustand, zeitliche Permanenz und kollektive Identität) zur Diskussion, die sich zwischen lokalen, nationalen und internationalen Bezugsebenen aufspannten, in der Tat aber in ihrer transkulturellen Dimension kaum diskutiert würden. Monica JUNEJA, Lehrstuhlinhaberin für Globale Kunstgeschichte in Heidelberg (dem ersten Lehrstuhl dieser Art im deutschsprachigen Raum), legte den Akzent auf die Vorsilbe „trans“, die das Prozesshafte anzeigt, die Bewegung und das Werden (im Inneren) einer Kultur. Sie formulierte anhand einer Fallstudie der in der Nähe von Delhi gelegenen UNESCO-Welterbestätte der Qutb-Moschee, die das Werk hinduistischer und muslimischer Bevölkerung ist, eine radikale Kritik von Konzepten wie "ethnisch", "religiös", "national", die als reale Verkörperungen erachtet werden anstatt als relative und begrenzte, ja sogar obsolete Konstrukte. Mit Bezug auf wiederholte Spolien(wieder)verwendungen und -umdeutungen im gegebenen Fallbeispiel verwies sie daher auf die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels historisch kritischer Kulturerbe-Studien im Lichte eines kontinuierlichen geographischen, demographischen, kulturellen und sozialen Wandels.

Gipsformerei der staatlichen Museen zu Berlin (Foto: Michael Falser)

Kulturerbe als transkulturelles Artefakt

Teilnehmer der Tagung (Foto: Vöckel)

Die drei Sektionen der Tagung im Karl Jaspers Centre behandelten Kulturerbe als (1) transkulturelles Artefakt mit Bezug auf Wanderungsbewegungen reale Objekte und ihrer Konstrukte, (2) als transkulturelles Soziofakt in Bezug auf Migrationen und Identitätskonstruktionen, und (3) als transkulturelles Mentefakt im Transferprozess von Begriffen und Konzepten von Kulturerbe und Denkmalpflege.

In der ersten Sektion "Kulturerbe als transkulturelles Artefakt" illustrierte Ernst-Rainer HÖNES von der Arbeitsgruppe Recht & Steuerfragen beim Deutschen Nationalkomitee für Denkmalpflege die Schwierigkeiten, auf welche das neue Paradigma der Transkulturalität im juristischen und ganz konkret denkmalpflegerischen Kontext stößt. Er nahm Bezug auf das spannungsgeladene, in der Tat eurozentrische Konzept Kulturerbe, das u.a. im Vergleich zwischen der deutschen und japanischen Denkmalpflege an ihre Grenzen stößt, aber auch im neuen UNESCO-Trend des immateriellen Erbes seine Deutungshoheit zu relativieren habe. Karl-Heinz KIND vom Generalsekretariat von Interpol in Lyon zeigte auf, wie sich für die Bekämpfung von Kulturgüterdiebstahl und der Restituierung von Kulturgut eine internationale Koordination und Zusammenarbeit entwickelt hatte, die überhaupt nur noch grenzüberschreitend effektiv sein könnte. Den Blick auf den politischen Transfer-Aspekt von Artefakten im Rahmen (post)kolonialer und globalisierter Identitätsbildungsprozesse lenkten Michael FALSER (mit dem Beispiel der kolonialen Übersetzungspraxis der kambodschanischen Tempel von Angkor durch Gipsabgüsse für französische Kolonial- und Weltausstellungen), Johannes CRAMER von der Technischen Universität Berlin (mit der Geschichte der heute im Berliner Pergamonmuseum in Berlin befindlichen Überreste des Mschatta-Tors aus Jordanien, einschließlich ihrer heutigen duplizierten Rückführung an den originalen Ort) und Carola JÄGGI, Universität Erlangen (transkulturelle Spolien-Verwendungen von antiken Beispielen in Venedig, Ravenna und Aachen, bis hin zu modernen und zeitgenössischen Beispielen, z.B. des Tribune Tower in Chicago und den transferierten "Cloisters" in New York).

Am Nachmittag wurde das Heidelberger Schloss mit seinen denkmalpflegerischen Baustellen im Inneren und in den Gärten besichtigt. Geleitet wurden diese Führungen von Peter THOMA (Bau- und Vermögensverwaltung Baden-Württemberg), Johannes WILHELM (Denkmalpflege/Präsidium Karlsruhe) und Volkmar EIDLOTH (Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg).

Michael Falser und Monica Juneja während einer Diskussion (Foto: Franz, Maybaum)

Kulturerbe als transkulturelles Soziofakt

Die zweite Sektion "Kulturerbe als transkulturelles Soziofakt" steckte faktisch eine Art Topographie transkultureller Denkmalpflege-Konstruktionen ab, da alle Beiträge auf die reziproken Einflüsse der verschiedenen kulturellen Komponenten und Traditionen abzielten, die an einem Ort und in einem spezifischen sozialen Zusammenhang in Kontaktsituationen entstehen. Der Fokus auf die Transferdynamiken in (post)kolonialen Kontaktzonen im spezifisch deutschen Zusammenhang stand hier im Vordergrund. Siegfried ENDERS vom ICOMOS-Komitee "Shared Built Heritage" verband die Problematik der postkolonialen Forschung über gebautes Erbe, im Besonderen des deutschen Erbes in Afrika oder besser gesagt des afrikanischen Erbes deutscher Herkunft, mit einer transkulturellen Perspektive. Der Journalist und Photograph Andreas VOGT aus Windhuk analysierte die koloniale deutsche Architektur in Namibia und Gert KASTER, Experte für städtebauliche Denkmalpflege, untersuchte das bauliche Erbe (und v.a. sein heutigen Nachleben) des von der deutschen Marine erbauten Gründungskerns der Stadt Qingdao im Osten der Provinz von Shandong in China. Georg MAYBAUM von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Holzminden behandelte die (Neu)Formierungsprozesse sogenannter indigener Traditionen in der Kolonialisierung, Unabhängigkeit und Globalisierung von Mexiko. Renato D’ALENÇON CASTRILLÓN von der Päpstlichen Katholischen Universität von Chile zeigte (leider nur in einem Abstract, da kurzfristig verhindert) die Transfergeschichte der „deutschen“ Holzbau-Architektur durch deutschsprachige Emigranten in Chile auf. Gabi DOLFF-BONEKÄMPER von der Technischen Universität Berlin behandelte insbesondere die im Gang befindlichen Prozesse der baulichen und sozialen Rekonstruktion von Orten und Identitäten, wie beispielsweise in Mostar, dem Territorium der Sudeten-Deutschen im heutigen Polen und dem Ermland, der Städte Marienburg/Malbork und Küstrin. Sie nahm hiermit eine kritischere Haltung zum Konzept eines transkulturellen Erbekonstruktion ein – mit dem Hinweis, dass „die Grenzen offen sein können, aber nicht zu überwinden“ (oder zumindest nicht so leicht überwindbar) sein können wie der transkulturelle Blick zu glauben verleiten mag.

Ein kleiner Workshop über das Konzept des "transkulturellen Kulturerbes" als Gegenstand universitärer Lehre wurde von Gerhard VINKEN (TU Darmstadt, Universität Bamberg) geleitet und unterbrach damit die klassische Situation von Frontalvorträgen bzw. Podiumsdiskussionen mit einem intimeren Format der Diskussion.

Teilnehmer der Tagung (Foto: Verena Vöckel)

Kulturerbe als transkulturelles Mentefakt

In der dritten Sektion rekonstruierte Frauke MICHLER, Universität Kassel, die wechselseitigen Beziehungen zwischen der sich um 1900 herausbildenden französischen und deutschen Denkmalpflegekultur, die in ihren nationalistischen Abgrenzungsprozessen zum jeweiligen Nachbarn in realiter und de facto grenzübergreifend, ja sogar transkulturell war. Franko CORIC, Universität Zagreb, bot einen wertvollen Exkurs zum Versuch einer transkulturellen Geschichtsschreibung der kroatischen Denkmalpflege, die in ihren Prägungsphasen von grenzübergreifenden Ideologien der K&K-Monarchie, des Realsozialismus blockfreier Staaten und letztlich im Bannfeld einer Rückorientierung nach Mitteleuropa geprägt war und ist. Claus-Peter ECHTER vom ICOMOS-Komitee "Shared Built Heritage" ging in seinem Beitrag den Einflüssen der "deutschen Denkmaltopographie" als Inventarisierungs- und Katalogisierungssystem des Kulturerbes in Rumänien, Luxemburg, Malaysia und Australien nach und wies im Transferprozess dieses Instrumentariums auf kulturelle Anwendungsprobleme hin. Von besonderem Gewicht waren die beiden Vorträge von Katharina WEILER, Universität Heidelberg, und Winfried SPEITKAMP, Universität Kassel. WEILER hob den modernezeitlichen Einfluss der europäischen Kultur auf die Wertschätzung handwerklicher Herstellung hervor, die auf die Definition des Konzepts von "Authentizität" in der aktuellen Charter for the Conservation of Unprotected Architectural Heritage and Sites in Indien transzendierte, welche der Indian National Trust for Art and Cultural Heritage im Jahr 2004 verabschiedet hatte: ein wichtiges und doch problematisches Element in der Relativierung der eurozentrischen Charta von Venedig von 1964/5. SPEITKAMP referierte über Leo Frobenius als einen Pionier der Erforschung und Wertschätzung (Erfindung) des sogenannten „indigenen Erbes“ in Afrika, welches in einem kulturellen Reflex in die postkolonialen Identitätskonstruktionen afrikanischer Nationalstaaten einfloss und bis heute z.T. als bare Münze unhinterfragt fortlebt.

Als Ehrengast der Tagung skizzierte Jukka JOKILEHTO von ICCROM, in Bezug auf sein Buch A History of Architectural Conservation, in seinem Abendvortrag "How to write a history of global heritage conservation?" die Problematik einer globalen Geschichtsschreibung der Denkmalpflege vor dem Hintergrund europäischer Grundlagen dieser Disziplin und Wissenschaft.

Heidelberger Schlossführung durch Peter Thoma (Foto: Franz, Maybaum)

Schlussdiskussion

In der Schlussdiskussion ging es um die Frage, wie das neue Paradigma der Transkulturalität in die Lehre und Praxis von Denkmalpflege zu übernehmen bzw. zu verhandeln wäre. In der Tat kam man zu dem Schluss, dass die Disziplin der Denkmalpflege in seiner über 150-jährigen Geschichte permanent dieser Herausforderung ausgeliefert, aber zum Großteil immer von einer Art "Herkunftsnationalismus" überschattet war. Lehre und Forschung zu Themen der Denkmalpflege und des Kulturerbes sollten diese Spannungsfelder zwischen Nationalismus und Transkulturalität in der Tat mehr zum Inhalt haben.

Schluss-Exkursion

Zum Abschluss der Tagung führte Herr Matthias Untermann (Institut für Europäische Kunstgeschichte, Uni Heidelberg), zusammen mit Charlotte Lagemann und Tobias Möllmer durch die Altstadt Heidelberg und zum Philosophenweg, während Volkmar Eidloth (Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg),  Hartmut Troll (Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg) und Michael Hesse (Institut für Europäische Kunstgeschichte IEK, Universität Heidelberg) die Führung zum Schwetzinger Schloss und seinem Garten anboten.

Teilnehmer der Tagung im Schloss Heidelberg (Foto: Franz, Maybaum)

Ein Nachwort: Kulturerbe – Transkulturalität oder Neo-Nationalismus im Zeichen baulicher Rekonstruktion?

Während sich in Heidelberg wohlmeinende Kulturerbe-Theoretiker mit denkmalpflegenden Praktikern über das Konzept von „Transkulturalität“ unterhielten, sah und sieht die reale Gegenwart der deutschen Denkmalpflege (leider) ganz anders aus. Es bahnt sich (wieder) ein Trend den Weg, gegen den die oben beschriebenen Problematiken heiße Luft – oder eben ganz aktuell – zu sein scheinen: der Neo-Trend zur baulichen Rekonstruktion, der ganz im Sinne altgewohnter nationalstaatlicher Identitätskonstruktionen nostalgische Gefühle hinsichtlich verlorener Baudenkmäler mit fassadenhaften Neu-Alt-Bauten in die Realität zurückgeholt. Die staatliche Denkmalpflege steht diesem Trend relativ hilflos gegenüber, verlässt ihrerseits schrittweise ihr Mandat zum Erhalt überkommener, alterspur-behafteter und mit vielgestaltigen, z.T. spannungsgeladenen und grenzüberschreitenden Erinnerungsschichten belegten Baudenkmale. Der Rekonstruktionswahn und mit ihm das Revival einer neokonservativen Denkmalpflege-Geschichtsschreibung, die Rekonstruktion zum denkmalpflegerischen Alltag und Normalzustand lebendiger Baukultur erklärt, schlug sich 2010 in der Münchener Ausstellung "Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte" in der Münchener Pinakothek der Moderne nieder. Kritiker (unter ihnen auch Michael Falser als der Spiritus Rektor der hier zusammengefassten Heidelberger Tagung, siehe seine publizierte Kritik zur Münchner Tagung hier), laufen Sturm Man ist wieder da, wo man schon einmal war: auf dem Spiel stehen erneut Begriffe, die längst als differenziert und definiert galten. Es gibt sie also wieder, die als überwunden geglaubt war: die neokonservative Umschreibung von Denkmalpflege und Kulturerbe.
Auf den Tagungsband der Heidelberger Diskussion darf und muss also mit Spannung gehofft werden. Er soll noch dieses Jahr bei Transcript erscheinen.

Führung durch den Schwetzinger Schlossgarten (Foto: Franz, Maybaum)

Bericht: Sandro Scarrocchia, Mailand. Aus dem Italienischen von Kerstin Stamm, Berlin

Bildnachweise: Franz, Maybaum, Michael Falser und Verena Vöckel

Über Projekt D12

Projekt D12 “Kulturerbe als transkulturelles Konzept“ untersucht die Entstehung eines modernen Konzepts von Kulturerbe, indem es seine kolonialen, postkolonialen/nationalen und globalen Verlaufsmuster auswertet. Eines der Fallbeispiele ist die kambodschanische Tempelanlage Angkor Wat.   

Projekt D12 wird von Prof. Dr. Monica Juneja und Dr.-Ing. Michael Falser koordiniert. Juneja ist die erste Professorin Deutschlands für Globale Kunstgeschichte. Falser ist promovierter wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Globale Kunstgeschichte.

Kontakt: falser@asia-europe.uni-heidelberg.de


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  • Prof. Hans-Rudolf Meier, Vorstand des Arbeitskreises für Theorie und Lehre der Denkmalpflege (Foto: Franz, Maybaum)