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Das Fremde und das Eigene - Über den Chinatag

Nov 22, 2011

Der Chinatag war einer der Höhepunkte im Sommer 2011 an der Universität Heidelberg. Vorträge und Podiusmdiskussionen beleuchteten vor allem die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China. Am Abend des 15. Juli traten chinesische und taiwanesische Musiker gemeinsam in der Alten Aula auf. Das klassische Konzert wurde von der Doktorandin Hsinyi Li, Dr. Dietlind Wünsche und Prof. Barbara Mittler organisiert. Im folgenden Artikel berichtet Linda Mazur über den Chinatag. Bilder von dem Konzert in der Alten Aula illustrieren ihren Beitrag.

Deutschland und China in der Forschung

Begonnen wurde der Chinatag mit einem deutsch-chinesischen Doktoranden-Symposium, bei dem Promovierende aus unterschiedlichen Disziplinen die Ergebnisse ihrer Forschungen vorstellten. Die Ansprache und Begrüßung des Rektors, Professor Dr. Bernhard Eitel, thematisierte die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China in der Forschung. Demnach leisten die chinesischen Doktoranden einen besonderen Beitrag „zu dem speziellen Geist Heidelbergs“.

Vorträge mit Poster-Ausstellung

Unter der Moderation von Professor Dr. Michael Kirschfink, Partnerschaftsbeauftragter der Universität Wuhan und Leiter des Instituts für Immunologie der Universität Heidelberg, bekamen die Zuhörer zum Teil sehr spannende Vorträge geboten. Die Mehrzahl der Präsentationen behandelte medizinische Bereiche. Beispielsweise wurde über Organabstoßung bei Transplantationen, Brustkrebsfaktoren in China und Deutschland, Herzversagen und Depression geforscht und auch hier wurden die Unterschiede zwischen den Entwicklungen in Deutschland und China aufgezeigt. Auch Doktoranden vom Alfred-Weber-Institut waren mit Themen wie Energieeffizienz chinesischer Gebäude oder der Entwicklung der Creative Industries am Beispiel Shanghais vertreten.

Daneben bekamen die Zuhörer einen Einblick in die Arbeiten von Promovierenden der Theologie und Politikwissenschaft, die unter anderem über die Rezeption Dostojewskis bei Karl Barth und Edward Thurneysen referierten.

Neben den Vorträgen gaben auch Poster Auskunft über die verschiedenen Arbeiten. Diese befinden sich nun im Eingangsbereich der Neuen Universität zur Anschauung. Im Anschluss an die Präsentationen gelang es der interkulturellen Trainerin Lena Haubold, M. A., eine Diskussion über die Missverständnisse und Schwierigkeiten in der Kommunikation beider Kulturen, die sich bei der gemeinsamen Arbeit ergeben können, zu entfachen. „In the end, we’re all the same. I can see, if a German is sad or happy, we have the same emotions“, war das Fazit einer jungen Nachwuchswissenschaftlerin und mit diesem Gedanken begab man sich zu Kaffee und Gebäck.

Die Musiker des Konzerts wurden mit Blumen geehrt
Die Musiker des Konzerts wurden mit Blumen geehrt

Podiumsdiskussion: Traditionelle Chinesische Medizin

Am Nachmittag fand die Podiumsdiskussion „Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) – Sinnvolle Ergänzung der modernen Medizin oder Mythos?“ im Hörsaal 13 der Neuen Universität statt. Die Gästeliste klang vielversprechend: Diskussionsleiter Dr. Lothar Bauerochse vom Hessischen Rundfunk, Professor Dr. Johannes Greten (u. a. Präsident der Deutschen Gesellschaft für TCM (DGTCM), Professor für Chinesische Medizin als Angewandte Neurophysiologie der Universität Porto, Leiter des Instituts für Chinesische Medizin Heidelberg), Dr. Du Xudian (Praxis für TCM und Akupunktur, Darmstadt), Dr. Mercedes Riegel (Naturheilpraxis, Forschungszentrum für TCM, Oftersheim), Professor Dr. Chen Zhuo (Klinik für vergleichende westliche Medizin und TCM, Tongji Hospital Wuhan/VR China) und Professor Dr. Volker Scheid (University of Westminster, London).

Das Hauptaugenmerk der Vorträge lag auf der Integration der TCM in die moderne westliche Medizin. Nach zwei einführenden Vorträgen über die Vorgehensweisen und Methoden der TCM von Prof. Chen und Dr. Du, brachte  Prof. Scheid mit dem Vortrag „Lost in Translation – Über die (Un-)Möglichkeit, TCM in moderne Gesundheitssysteme zu übertragen“ die Thematik sehr humorvoll und spannend auf den Punkt.

Die Fragen, die zu klären die nachfolgende Diskussion bemüht war, gingen von „Was ist eigentlich die wahre TCM?“, „Welche Bevölkerungsgruppen befassen sich damit?“ über „Wann genau erscheint eine Behandlung sinnvoll?“ zu „Welche Stärken hat die TCM gegenüber der Schulmedizin?“. Die Antworten unterschieden sich: TCM als Lückenfüller; als „letzte Möglichkeit“ für eine austherapierte, konservative, gebildete und wohlhabende Patientenklientel und eben nicht - wie  Prof. Greten es formulierte - „die lila Latzhosenträgerin körnerkauend aus der Weststadt“.

Wie weit die Meinungen auch immer auseinandergingen, eines war letztendlich sicher: TCM allein ist nur die halbe Miete. Dieses Eingeständnis fiel keinem der Referenten schwer. Allerdings wurde für ein größeres Vertrauen in die TCM seitens der Schulmedizin und die Einsicht, dass die Kombination beider Methoden für viele Patienten letztlich am heilsamsten wäre, gekämpft. „Wir können nicht alles, aber durch die Kombination können wir viel“, schloss Dr. Du seinen Vortrag, bei dem er die Notwendigkeit einer Verbindung beider Methoden hervorhob.

Während des Konzertes spielen die Musiker ein Stück auf Klavier und Geige
Während des Konzertes spielen die Musiker ein Stück auf Klavier und Geige

Klassisches Konzert in der Alten Aula

Um 19:30 Uhr fanden sich ca. 250 Gäste in der Alten Aula zusammen, um einem  klassischen Konzert zu lauschen. Professor Dr. Barbara Mittlers Einführungsvortrag „Von fremden Ländern und Menschen – Transkulturalität in der Musik“ stellte erneut „das Fremde“, die kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten, in den Mittelpunkt. Gibt es also Transkulturalität in der Musik? Wird ein Werk von Robert Schumann oder Franz Schubert zwangsläufig anders interpretiert, weil die Interpreten aus einem anderen kulturellen Hintergrund stammen? Sind die Stücke ohne Hintergrundwissen alle gleich anzuhören und ist Musik eine Universalsprache? Die Zuhörer waren dazu angehalten, die eventuellen Unterschiede selbst zu hören, denn auf die Fragen gab es „Jas“ und „Neins“.  Man war gespannt.

Die Alte Aula mit ihrer außergewöhnlichen Atmosphäre war der richtige Ort. Es lagen Ruhe und Zeitlosigkeit im Raum, man sah geschlossene Augen und Gänsehaut auf den Armen der Sitznachbarn, hörte weder Handys noch Räuspern und war völlig ungestört.

Die Musikerinnen aus China und Taiwan, die allesamt seit einigen Jahren in Deutschland studieren oder arbeiten, verzauberten die Gäste mit ihrer Leidenschaft und Hingabe und spielten sich auf höchstem Niveau durch Schubert, Schumann und Kreisler. Auch chinesische und taiwanesische Komponisten fanden ihren Platz im Programm, wie Yang Bao-Zhi, dessen Interesse der Einbindung westlicher Streichinstrumente in die chinesische traditionelle Musik gilt, der junge Shen Yi-Wen oder Hung Tun-Yuan, der sein Studium der Komposition dieses Jahr an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main erfolgreich abschloss.

Klavier, Querflöte, Mezzosopran, Cello, Violine und Viola. Hörte man also das Chinesische oder das Europäische heraus? Zumindest bildete man sich das als musikalischer Laie ein. Aber da war auch eine Grauzone, wie Fritz Kreislers „Tambourin Chinois“ oder Pierre-Octave Ferrouds „Jade“, bei denen man sich der Einstufung nicht mehr sicher sein konnte.

Wie Prof. Mittler in ihrem Vortrag betonte, verkörperten die Musiker das Leitmotiv des Chinatages in sich selbst. „Das Fremde“ und „das Eigene“, die Unterschiede, die Gemeinsamkeiten, all das wurde durch die perfekte Inszenierung und die besondere Atmosphäre eher in den Hintergrund gerückt und man erwischte sich dabei, wie man nicht mehr nach Antworten suchte, sondern mit leerem Kopf die musikalischen Bilder an sich vorüberziehen ließ.

Das Konzert in der Alten Aula
Das Konzert in der Alten Aula

Abendlicher Ausklang in der Bel Etage

Im Anschluss an das Konzert waren die Zuhörer in die Bel Étage zu original chinesischen Speisen eingeladen, zubereitet von Köchen der Shanghai Jiaotong University. Beim gemeinsamen Genießen  der Dim Sum konnten die Gäste den diesjährigen Chinatag Revue passieren lassen, sich über den wertvollen Einblick in die wissenschaftliche Zusammenarbeit beider Kulturen austauschen und letztlich feststellen, dass „das Fremde“ und „das Eigene“ so verschieden vielleicht gar nicht sind.

Nur so können die Unterschiede zu einer Bereicherung der interkulturellen Arbeit werden. Hierzu gab der diesjährige Chinatag einen gelungenen Anstoß. Der von Dr. Dietlind Wünsche (Akademisches Auslandsamt) und Prof. Michael Kirschfink (Medizinische Fakultät) organisierte Chinatag, wurde vom Konfuzius-Institut an der Universität Heidelberg, dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg sowie dem Exzellenzcluster “Asien und Europa im globalen Kontext“ unterstützt.

Die Organisatoren des Konzertes
Die Organisatoren des Konzertes

Ergänzende Informationen

 

Über den China-Tag:

Der Chinatag wurde am 15. Juli 2011 im Rahmen des 625-jährigen Jubiläums an der Universität Heidelberg veranstaltet. Er wurde von Dr. Dietlind Wünsche (Akademisches Auslandsamt) und Prof. Michael Kirschfink (Medizinische Fakultät) organisiert. Das Konfuzius-Institut an der Universität Heidelberg, das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg sowie der Exzellenzcluster “Asien und Europa im globalen Kontext“ unterstützten die Veranstaltung. Das abendliche Konzert "Von fremden Ländern und Menschen" organisierten die Doktorandin Hsinyi Li vom Graduiertenprogramm für Transkulturelle Studien, Prof. Barbara Mittler und Dr. Dietlind Wünsche.

Über diesen Artikel:

Diesen Artikel hat Linda Mazur verfasst, er wurde zunächst im Newsletter des Alumni Netzwerks des Sinologischen Instituts der Universität Heidelberg veröffentlicht.
Die Bilder wurden von Haifen Nan gemacht. Sie ist Doktorandin im Graduiertenprogramm für Transkulturelle Studien am Exzellenzcluster "Asien und Europa".


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