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Konzept

Objekte auf Wanderschaft

Objects on the move - Circulation, Social Practice and Transcultural Intersections

Koordinatorin: Monica Juneja, Professorin für Globale Kunstgeschichte (Global Art History) am Karl Jaspers Zentrum für Transkulturelle Forschung  

Im Jahr 1873 waren die Besucher der neu eröffneten Architectural Courts im South Kensington Museum, dem heutigen Victoria and Albert Museum, in London überwältigt vom Anblick eines 10 Meter hohen, kunstvoll gestalteten Modells des Osttores des „Großen Stupa“ in Sanchi, Indien. Die Tempelanlage von Sanchi war im frühen 19. Jahrhundert von britischen Offizieren und Archäologen wiederentdeckt und ausgegraben worden. Die fühlbare physische Präsenz einer Nachbildung des Tores in Originalgröße im Herzen der Hauptstadt des Mutterlandes brachte das Britische Empire erstmals vor die eigene Haustür derer, die glaubten, Besitzansprüche auf die Kulturgüter des Empires erheben zu können.Was signalisierte die Reise von Objekten in Form von Realien und Simulakren von der Peripherie des Empires in sein Zentrum? Mit welcher Art von Besitzansprüchen war die Ausstellung von Objekten in den Räumlichkeiten des Museums und deren Klassifizierung als „Kunst“ verbunden? Auf welche Art und Weise prägte das visuelle Erleben dieser Objekte die Vorstellungen von Besitz und Identität bei den Bewohnern/innen der Hauptstadt des Mutterlandes, und inwieweit bestimmten diese Objekte das diskursive Verständnis und auch die Kunstausübung an ihrem neuen Standort? Welche Auswirkungen haben diese kolonialen Praktiken auf das heutige Verständnis von Objekten und die Art ihrer Präsentation im Westen und in den jungen postkolonialen Nationen Asiens?  Diesen und ähnlichen Themen widmen sich die Veranstaltungen der Summer School, deren Ausgangspunkt die These ist, dass Objekte in den seltensten Fällen bloße Gegenstände und unbeweglich, stumm oder ausschließlich funktional sind. Objekte entspringen menschlichen und sozialen Kontexten, erfüllen die reale Welt früherer und heutiger Gesellschaften mit Leben und sind zugleich Träger vielfältiger Bedeutungen. Wenn diese Objekte auf Wanderschaft gehen, werden sie neuen Kontexten angepasst, ausgestellt oder neuer Verwendung zugeführt, wobei sie ihre Bedeutung oftmals radikal verändern. In den Objekten spiegeln sich häufig miteinander konkurrierende Interpretationen und Konflikte wider, aber dort, wo sich Kulturräume materiell und ideell überschneiden, treten auch produktive Dissonanzen zutage. Die Erforschung des vielgestaltigen Austauschs von Objekten stößt seit jeher auf großes Interesse bei Vertretern der verschiedensten Fachrichtungen, etwa der Wirtschaftsgeschichte, den Religionswissenschaften und der Kunstgeschichte, und verzweigt sich weiter in die Erforschung der materiellen Kultur, die Museumswissenschaft, die Ethnologie und Psychoanalyse. Herausragende Vertreter/innen vieler dieser Bereiche konnten für Vorträge und Seminare im Rahmen der Summer School gewonnen werden. Ein zentraler Aspekt der zur Diskussion stehenden Themen ist die transkulturelle Mobilität von Objekten im Hinblick auf das Verständnis der Verflechtungen lokaler und globaler Machtstrukturen und das Funktionieren einer komplexen Ökonomie von Beziehungen über nationale und kulturelle Grenzen hinweg. Die Fallstudien, bei denen Objekte grundsätzlich als Prismen für das Verständnis dieser Beziehungen eingesetzt werden, beschäftigen sich mit einer Reihe von Unterthemen; sie beleuchten wirtschaftliche Netzwerke, die sich durch den Austausch von Handelswaren herausgebildet haben, den Zusammenhang zwischen bestimmten Konsummustern und lokalen Kulturen, aufeinander treffende Normen und Transaktionen, die auf Praktiken des Schenkens beruhen, sowie Aktivitäten wie das Sammeln, Ausstellen und Kuratieren von Objekten, die sich allesamt die Medialität von Objekten in wechselnden Kontexten zunutze machen. Diese große Themenvielfalt soll es den Teilnehmern/innen ermöglichen, sich ein genaueres Bild von den wechselseitigen Beziehungen über nationale Grenzen hinweg zu machen, wobei die für den globalen Austausch und die globale Mobilität typischen Asymmetrien und Spannungsfelder im Vordergrund stehen. Konflikte bezüglich konkurrierender Ansprüche und Definitionen gehen zurück auf sich wandelnde Bedeutungen und Werte, welche den Objekten auf ihrer Wanderschaft von einem Kontext zum anderen zugeschrieben werden. Die Integration transkultureller Beziehungen in die Erforschung von Kunst, kuratorischen Praktiken, Handlungen des Schenkens bzw. Sammelns bringt unsere Vorstellung von kohärenten und homogenen Traditionen und von Nationen und Kulturen als fest begrenzten Einheiten ins Wanken. Aufgrund des globalen Aufeinandertreffens der Geschichten von Objekten müssen wir auch Kategorien, wie die Gegensätze zwischen Kunst und Artefakt, Haptik und Optik, Technischem und Künstlerischem, neu überdenken, denen früher die ästhetischen Theorien eine immense Bedeutung beigemessen haben. Solche Unterscheidungen haben u.a. auch die Entwicklung bedeutender akademischer Fachrichtungen in Europa bestimmt, etwa die der Kunstgeschichte, die jede nicht-westliche Kunst der Völkerkunde zuordnete.

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