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MC8.1 Gesellschaft und Innovation

Gesellschaft und Innovation: Die „Secondary Products Revolution“ zwischen Mesopotamien und Mitteleuropa

Koordination: Joseph Maran, Peter A. Miglus

Zusammenfassung

Vor 30 Jahren formulierte Andrew Sherratt (1981) die Hypothese, dass im 4. Jahrtausend v. Chr. in Teilen Europas und Asiens ein wirtschaftlicher Umbruch stattgefunden habe, der von vergleichbarer Bedeutung wie die „Neolithische Revolution“ gewesen sei. Von den frühmesopotamischen Stadtstaaten als Zentren der Innovation ausgehend habe sich ein neuer Umgang mit Haustieren verbreitet. Während man seit dem Beginn des Neolithikums Haustiere allein „primär“ als Schlachttiere genutzt und damit lediglich für die Produktion von Fleisch, Knochen, Haut und Sehnen verwendet habe, seien nun die zuvor unbeachteten, sogenannten „sekundären Produkte“ lebender Haustiere in ihrer Bedeutung erkannt und genutzt worden, insbesondere Milch, Wolle und die Nutzung tierischer Arbeitskraft zum Reiten, Pflügen, Transportieren und Ziehen. Als Folge dieser „Revolution der Sekundärnutzung“ seien erstmals Tiere wie das Pferd und der Esel domestiziert und Räderfahrzeuge sowie der Pflug erfunden worden. Wie die Forschung der letzten Jahrzehnte gezeigt hat, treten Aspekte der „Sekundärnutzung“ von Haustieren – insbesondere Milch und Wolle – schon lange vor dem 4. Jahrtausend v. Chr. in Erscheinung, was Sherratts Annahme eines abgrenzbaren Innovationshorizontes solcher Nutzungsziele der Haustierhaltung widerspricht. Des Weiteren stellte sich heraus, dass die Verortung des Ursprungs all dieser Innovationen in Mesopotamien die historischen Prozesse zu stark vereinfacht, weil einige der Innovationen auch außerhalb des Nahen Ostens entstanden sein könnten (Maran 2004) und auch die gleichzeitige, parallele Entwicklung ein und derselben Innovation in verschiedenen Regionen stattgefunden haben könnte (Vosteen 1996). Nichtsdestoweniger bleibt Sherratts zentrales Argument bestehen, dass nämlich erst im 4. Jahrtausend v. Chr. in verschiedenen Regionen Europas und Asiens eine Schwelle überschritten wurde, die einen wirtschaftlichen Quantensprung ermöglichte. Gerade das Wechselspiel der verschiedenen Komponenten der „Revolution der sekundären Produkte“ führte in dieser Zeit zu einer grundlegenden Transformation der Gesellschaften.

MARAN, J. 2004: Kulturkontakte und Wege der Ausbreitung der Wagentechnologie im 4. Jahrtausend v. Chr., in M. Fansa (ed.), Rad und Wagen. Der Ursprung einer Innovation. Wagen im Vorderen Orient und Europa. Katalog der Ausstellung im Landesmuseum für Natur und Mensch Oldenburg. Mainz, Zabern, pp. 429-442

SHERRATT, A. 1981: Plough and Pastoralism: Aspects of the Secondary Products Revolution. In: I. Hodder, G. Isaac and N. Hammond (eds.), Pattern of the Past. Studies in Honour of David Clarke. Cambridge: University Press, pp. 261-305.

VOSTEEN, M.U. 1996: Unter die Räder gekommen. Untersuchungen zu Sherratts ‘Secondary Products Revolution’. Archäologische Berichte 7. Bonn: Holos.

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