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Forschungsbereich D: Geschichte & Kulturerbe

Part of the Great Wall of China

Der Forschungsbereich „Geschichte und Kulturerbe“ analysiert unterschiedliche Konzepte von Geschichte als konkurrierende Interpretationen von Zeit und Raum. Anstatt sich auf Modelle einer vereinheitlichten Universal- oder Weltgeschichte zu konzentrieren, gilt sein Hauptaugenmerk der Verknüpfung mannigfaltiger Geschichtlichkeiten mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund, verursacht durch kulturelle Prozesse in der Art, wie mit Geschichte, Gedächtnis und deren Bahnen umgegangen wird.

Dies erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit den Streitfragen der Historiographie als einem westlich/eurozentrisch ausgerichteten wissenschaftlichen Fach, der Vorstellung von einer vielsprachigen globalen Geschichte und den Überlegungen zum immateriellen Kulturerbe. Forschungsbereich D beschäftigt sich hauptsächlich mit der Art und Weise, wie Erinnerungen und Kulturerbe im Zusammenhang mit Geschichte als akademischer Fachrichtung entstehen und sich innerhalb einer Kultur und zwischen verschiedenen Kulturen verbreiten und Wissen und Erinnerungen ordnen bzw. neu ordnen.

Bei der Macht und Autorität, der Vergangenheit durch ein Metanarrativ Bedeutung und Struktur zu verleihen, das zudem Auftrieb gibt und zukunftsweisend wirkt, geht es um einen Bereich, der stark umkämpft ist, und zwar nicht nur zwischen Regierungen und Geschichtswissenschaft. Umkämpft ist er auch aufgrund des Potenzials von Individuen, Kohorten, subalternen Gruppen oder Gruppen mit bestimmten gemeinsamen Erfahrungen (z.B. Frauen, Männer, Kollaborateure, Flüchtlinge), ihre eigenen Erinnerungen zu gestalten und so ein dominierendes Metanarrativ in Frage zu stellen. Besonders umstritten ist die Frage, wie sich asymmetrische Austauschprozesse auf solche Narrative auswirken und welche Strategie beim Umgang mit ihnen anzuwenden ist.

Der Forschungsbereich stellt zwei Konzepte von Geschichte einander gegenüber – einerseits das Konzept von Geschichte als zeitlicher Abfolge von Entwicklungsstufen und andererseits die Vorstellung, wonach sich die geschichtliche Relevanz in einer Vielzahl unterschiedlicher und mitunter gegensätzlicher Historizitäten manifestiert (Jacques Rancière, Les noms de l’histoire, 1992). Der zuletzt genannte Ansatz stellt die Weichen für die Analyse von Problemen der Transformation und Rückbesinnung, aufgrund deren Personen, Objekte und Konzepte möglicherweise eine vollkommene Veränderung ihrer Rolle durchlaufen und somit eine neue geschichtliche Bedeutung erlangen; so kann man sich z.B. fragen, ob eine Kirche noch eine Kirche ist, wenn sie als Museum oder Stätte von nationaler Bedeutung bezeichnet wird. Folglich lassen sich Asymmetrien im transkulturellen Austausch von Wissen als fortlaufende Prozesse deuten, bei denen Identitäten übertragen und neue Bedeutungen geschaffen werden, wobei die Zuschreibung historischer Bedeutung eine wichtige Komponente darstellt.

Der Forschungsbereich „Geschichte und Kulturerbe“ möchte zu den aktuellen Debatten über universelle, globale, internationale, transnationale Geschichte und/oder Weltgeschichte beitragen und das Potenzial von Konzepten zu Transnationalismus und miteinander verknüpften Historizitäten untersuchen. Fragen zur Universalität (oder Nicht-Universalität) der geschichtlichen Analyse unter dem Blickwinkel der ganz speziellen historischen Umstände ihres europäischen Ursprungs spielen eine besonders wichtige Rolle und führen die mit Chakrabartys „Provinzialisierung Europas“ (Dipesh Chakrabarty, Provincializing Europe, 2000) begonnene Debatte fort.

Die kritische Geschichtsanalyse als Instrument zur Festschreibung von Unterschieden und Hierarchien in postkolonialen Debatten fällt zusammen mit einer zunehmenden Offenheit für die Geschichte grenzüberschreitender Prozesse (Gunilla Budde, Transnationale Geschichte, 2006) und des globalen Transfers von Informationen und Wissen. Sie ist Teil eines neuen Interesses an globaler Geschichte und an der Geschichte des Globalen und ist bisher noch nicht ausreichend diskutiert worden.

Bei den Meinungsverschiedenheiten rund um die Debatte des Globalen stellt sich die Frage, ob globale Geschichte lediglich die Geschichte eines „hyperrealen Europa“ ist, die der Festlegung von Normen dient. Andere Stimmen behaupten, eine Analyse des Globalen unter angemessener Einbeziehung von Asien würde eine langfristige Asymmetrie mit stärkeren asiatischen Austauschprozessen nach Europa hin ans Licht bringen, die nur vorübergehend invertiert wurden (André Gunder Frank, ReOrient, 1998).

Da sich die der wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte zugrunde liegenden mutmaßlich universellen, letztlich jedoch europäischen Prinzipien selbst als geschichtlich unsicher erwiesen haben, stellt die Einbeziehung dieser theoretischen Debatten über verschiedene Formen der Historizität einen Hauptbestandteil des gegenwärtigen Forschungsdesigns dar.
Durch die Analyse asymmetrischer kultureller Austauschprozesse sieht der Forschungsbereich in den aktuellen Diskussionen zu Historizitäten eine Chance, neue Methodologien und Forschungsstrategien einzuführen und nicht allein die Geschichte Asiens und Europas zu erforschen, sondern auch über Europa zu reflektieren – gemeint ist damit nicht unbedingt ein provinzialisiertes, aber mit Sicherheit ein „verräumlichtes“ Europa. Deshalb konzentriert sich die Forschung auf die Schaffung und den Austausch von Konzepten von geschichtlicher Bedeutung und die Objekte, die diesen Prozess verkörpern.

Welche Art von Geschichten erzählen asiatische Manuskripte in europäischen Bibliotheken und Museen? Fungieren diese Sammlungen lediglich als Zeugen für die Macht, über die Ausländer verfügten, als sie diese Trophäen sammelten? Dokumentieren sie die Geschichte von Plünderungen und kulturellem Verlust, oder steuern sie ihren Teil zum Verständnis der epistemologischen Übersetzbarkeit fremder Kulturgüter bei? Was sind die Folgen der Konfrontation zwischen europäischer geschichtlicher Entwicklung und (nicht nur) asiatischen Ansprüchen (da dies auch von Europäern/innen gefordert wird), „abweichende“ Geschichten zu erzählen?

Als die Eliten in Ost- und Südasien begannen, sich mit „dem Westen“ und seiner Geschichte auseinanderzusetzen, wurde ihnen klar, dass ihre eigene Kultur zwar auf eine lange und ruhmreiche Vergangenheit zurückblickt, aber nicht über eine vergleichbare systematisierte „Geschichte“ mit Evolution, Stufen und Epochen verfügt. In Europa entwickelte sich der grundlegende Gedanke der Historizität der menschlichen Existenz über den Rahmen einer spezifischen Heilsgeschichte hinaus auch als Teil eines Säkularisierungsprozesses. Dies bildete im 19. Jahrhundert letztendlich die theoretische Grundlage für die Einführung des wissenschaftlichen Fachs Geschichte. In der Folge wurden verschiedene Modelle zur Erklärung des geschichtlichen Verlaufs präsentiert, von denen jedes über seine eigenen Schlagwörter verfügte.

Die altbekannte Geschichte der westlichen Vorherrschaft wurde in der Form des jüngst entwickelten evolutionären Narrativs erzählt. Dies sollte als Leitparadigma der Zeit fungieren, während die Nation als Leitparadigma des Raumes diente. Eine auf evolutionären Konzepten gründende, erfolgreiche nationale Geschichte erschien unerlässlich, um einer reichen und mächtigen Nation eine glänzende Zukunft zu garantieren. Diese Auffassung von Geschichte als generalisiertes Narrativ von Fortschritt und Modernität über alle kulturellen Besonderheiten hinweg verlor an Glaubwürdigkeit, als sich anklagende Stimmen erhoben, denen zufolge dies ein primär eigennütziger, von den Eliten auferlegter Diskurs sei, die sich nur für ein globalisiertes Entwicklungsmodell stark machten.
Nun wurde die traditionelle Ordnung und Neuordnung von Konzepten, die lange Zeit von der „Geschichte“ angeregt und legitimiert worden waren, gemeinsam mit der damit zusammenhängenden Methodologie und den damit verbundenen Werten in Frage gestellt.

Die Erforschung der Infragestellung von Historizität als Bestandteil eines asymmetrischen Austauschprozesses zwischen Asien und Europa setzt zunächst eine transkulturelle Geschichte der Historiographie voraus, deren Methodologie die traditionellen Grenzen der historiographischen Forschung sprengt. Deshalb konzentriert sich die Historiographie in diesem Projekt nicht mehr nur auf nationale Einheiten und die bislang bevorzugten schriftlichen Quellen. Transkulturelle Austauschprozesse und ihre asymmetrischen Aspekte bei der Konstruktion der Vergangenheit werden mit Offenheit für das Hybride und das „Dazwischen“ („in-between“, vgl. Elisabeth Mudimbe-Boye, Beyond Dichotomies, 2002) und die fruchtbaren Debatten über subalterne Geschichten (Ranajit Guha, Dominance without Hegemony, 1996) erforscht. Wem wird als Folge dieser asymmetrischen Umgestaltung eine bedeutende Vergangenheit zugesprochen oder abgesprochen, und was wird hierbei überbetont, bzw. was bleibt unerwähnt?

In diesem Zusammenhang werden historische Narrative, wie z.B. heilsgeschichtliche, hagiographische oder revolutionäre Chroniken, nicht als überholte Formen einer noch nicht säkularisierten Historiographie behandelt, sondern in ihrem eigenen Kontext, mit ihren eigenen Auswirkungen und transkulturellen Verbindungen untersucht. Besondere Aufmerksamkeit gilt der interdisziplinären Erforschung von Konzepten des Kulturerbes und Gedächtnisses sowie der politischen Bedeutung von „Geschichtspolitik“. Der Begriff Kulturerbe wird hier im Sinne der Definition der UNESCO verstanden und umfasst sowohl materielles als auch immaterielles Kulturerbe, visuelle und auditive Quellen sowie verschiedene, über die Kreise der Eliten hinausgehende Formen von Kultur. Ein besonderes Augenmerk gilt auch den Asymmetrien in der historischen Entwicklung von Kulturwirtschaft und Kulturindustrie.

Dieser methodologische Ansatz soll helfen, eine neue historische Mindmap zu erstellen, bei der territoriales Denken nicht zum Zuge kommt, dafür aber transkultureller Austausch, Arten des Reisens, Migration und Grenzüberschreitung in den Vordergrund treten. Eine kritische Analyse der Historizität von Ordnungsprinzipien soll die Grundlage für die Erforschung dynamischer Veränderungen und Transgressionen aller Art schaffen.

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