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Images of Disasters

Vulkanausbruch auf Java unweit der Stadt Panarucan im Jahre 1586, Bildagentur bpk, Berlin

Durch die Gewalt von Naturkatastrophen werden Menschen elementaren Grenzsituationen ausgesetzt. In diesen Extremsituationen werden jenseits aller individuellen Reaktionen bestimmte kulturelle Muster des Handelns, Verstehens und Bewältigens wirksam. So sind auch Katastrophen mit natürlichem Kern zutiefst soziokulturell geprägte Ereignisse.
Für die Überlebenden kann die Katastrophenerfahrung zur Sinnfrage werden: Wie wird die Konfrontation mit elementarer Gewalt wahrgenommen, gedeutet, beschrieben und verarbeitet? Um das Unbeschreibliche zu thematisieren, greifen viele Kulturen zu Bildern: Sprachbildern, Mythen, Zeichen, Symbolen, Filmen.
Das Bild des Unfassbaren wird im Ikon gebannt: Vorzeichen drohenden Unheils, Gewalt der Elemente, Schock der Katastrophe, Untergang und Verderben, Flucht und Rettung, Bewältigung der Gefahr, Sieg über die Elemente, Hilfe für die Opfer. All dies ist in vielen Kulturen und zu allen Zeiten ein Motiv bildlicher Darstellungen in unterschiedlichsten Medien. Das bildliche Arsenal imaginärer und imaginierter Katastrophen hat immer sein Publikum gefunden, von mythischen Katastrophen wie der Sintflut und dem Untergang von Atlantis bis zu prognostizierten Katastrophen wie der Apokalypse oder Szenarien einer Klimakatastrophe. Kaum weniger Interesse finden die realen Katastrophen vom Memorialbild über die Fernsehreportage bis zur wissenschaftlichen Rekonstruktion historischer Vulkanausbrüche in Computersimulationen.
Die Analyse der mit Katastrophen verbundenen Vorstellungs- und Bilderwelt ist in zweierlei Hinsicht Thema: Es gilt erstens, methodologische Fragen einer transkulturellen Ikonographie der Katastrophe zu adressieren und zweitens, das katastrophale Geschehen und seine Medialisierung systematisch als komplexen soziokulturellen Prozess zu analysieren.

Transkulturelle Strömungen


Die Mobilität von Individuen, Objekten, Ideen und Konzepten über weite Entfernungen hinweg ist seit jeher ein konstitutives Merkmal von Gesellschaften. Bilder und Formen der Bewältigung von Katastrophen scheinen an transkulturellen Austauschprozessen in Raum und Zeit partizipiert zu haben. Während Reaktionen auf Katastrophen überall auf bestimmten elementaren menschlichen Gefühlen gründen, ist deren Übersetzung in eine ganze Vielfalt von Medien unauflöslich an kulturspezifische Faktoren und Darstellungspraktiken gebunden. Beschreibungen und Deutungen von realen Katastrophen werden in entscheidender Weise durch kulturelle Muster geformt, die aus einer gleichsam sedimentierten kollektiven Erinnerung an mythische oder imaginäre Katastrophen erwachsen. In welchem Ausmaß wurden und werden diese Reaktionen auf Katastrophen in Vergangenheit und Gegenwart von transkulturellen Austauschprozessen geprägt? Welchen spezifischen Prozessen des Transfers, der Aneignung, Reformulierung und Übersetzung einerseits, der Verweigerung und Abstoßung andererseits wurden Bilder von Katastrophen von der mythischen Flut des Gilgameschepos bis zu den weltweit geteilten Szenarien der Klimakatastrophe über die Kontinente hinweg unterzogen, in welcher Hinsicht entwickeln sie sich als Teil transkultureller Verflechtungen weiter? Diese Fragestellungen umfassen die Untersuchung der Genese unterschiedlicher Bildgenres, der Intentionen ihrer Auftraggeber, ihrer Verbreitung und ihrer häufig vielschichtigen Rezeption in unterschiedlichen Kontexten oder ihrer Übertragung von einem Medium ins andere.


Medialisierung der Katastrophe und die Katastrophe als Medium

Naturkatastrophen können als soziokulturelle Prozesse mit entsetzlichem Ausgang begriffen werden, die eine lange Vorgeschichte haben und langfristige Auswirkungen zeitigen. Jede Etappe in diesem Prozess, dessen sprichwörtlicher Wendepunkt (griechisch: καταστροφή) das entsetzliche Ereignis selbst ist, fordert zur Kommunikation heraus und findet daher Eingang in vielfältige mediale Überlieferungsformen. Dies können – nur zum Beispiel – Bilder von einem Unstern (italienisch: disastro) oder Blutregen sein, die als Vorzeichen von Katastrophen in Flugblättern dargestellt werden, aber auch Hochwassermarken als Erinnerung an eine desaströse Sturmflut, Bilder der Weltenschlange, die Erdbeben auslöst, oder Fernsehreportagen über heldische Katastrophenhelfer und mitleiderregende Opfer. Sie alle machen das jeweilige Ereignis auf spezifische Weise erkennbar. Dadurch wird es zugleich gedeutet, für die soziale Kommunikation verfügbar gemacht und – gerade auch durch seine ästhetische Dimension – z.B. religiös, politisch und wirtschaftlich instrumentalisierbar. Die Spannweite der Darstellungsintentionen reicht vom Erregen voyeuristischer Angstlust und solidarisierenden Mitleids bis hin zum Versuch, ein erhabenes Naturschauspiel ins Bild zu bannen oder durch naturwissenschaftliche Simulationen den Betrachter zu informieren.
 

Ziel des Projekts ist die Aufarbeitung der transkulturellen Bilderwelt von Naturkatastrophen. Diesbezüglich wird im März 2012 eine Tagung stattfinden, die einer Ausstellung im Reiss-Engelhorn- Museum in Mannheim im Jahr 2014 vorausgeht.

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