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Forschungsbereich C: Gesundheit & Umwelt

Hand of a person practicing Yoga in front of a blurred landscape

Forschungsbereich C konzentriert sich auf die zwischen Asien und Europa erfolgte Übertragung von Praktiken in den Bereichen Gesundheit und Umwelt und untersucht die damit verbundenen Institutionen, Vorstellungen und Wahrnehmungen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Erforschung von Praktiken, da gerade in diesen Bereichen der Anspruch, praktikable Lösungen zu finden, besonders hoch ist. Diese Beobachtungen verleihen einer Hypothese über die Dynamik Plausibilität, welche den massiven Transfer, den Austausch und die Anpassung medizinischer und umwelttechnischer Praktiken und der damit einhergehenden Konzepte und Institutionen zwischen Asien und Europa antreibt.

Der Austausch von Gesundheitswissen zwischen Asien und Europa ist bislang als extrem asymmetrisch beschrieben worden: „Der Westen“ wird als Geber von Konzepten, Institutionen und Praktiken individueller und öffentlicher Gesundheit mit dem Schwerpunkt auf naturwissenschaftlich orientierter Medizin dargestellt und „der Rest“ (darunter auch Asien) als Nehmer. Diese Darstellung und das ihr zugrunde liegende Paradigma sind jedoch im Laufe den letzten Jahrzehnten in ungeahnter Weise ausgehöhlt worden, und zwar infolge einer kulturellen Revolte seitens vieler Patienten/innen im „Westen“, die eine starke Aufwertung alternativer „asiatischer“ Heilmethoden bewirkte, welche wiederum erheblichen Einfluss auf deren Prestige in Ost- und Südasien ausübte.

Die alte Asymmetrie herrscht jedoch auch innerhalb dieses zyklischen Prozesses weiterhin vor, da die Neubewertung der asiatischen Heilmethoden durch Patienten/innen im Westen erfolgt ist. Gleichzeitig haben jüngste Studien zur Geschichte der Medizin und des öffentlichen Gesundheitswesens deutlich gemacht, inwieweit Mediziner/innen in Asien und Europa in ihrem Streben nach Ergebnissen bereits unterschiedliche medizinische Praktiken unterschiedlicher Herkunft und Wirksamkeitsansprüche miteinander verschmolzen haben. Diese Entwicklungen werfen ein Schlaglicht auf eine Reihe von Herausforderungen, die sich auch in früheren transkulturellen Austauschprozessen in den Bereichen Gesundheit und Umwelt finden lassen.  
 
Die erste Herausforderung, der wir uns stellen, ist die Dynamik der fortwährenden Beziehung zwischen den Konzepten, Institutionen und Praktiken auf den Gebieten Gesundheit und Umwelt. Diese Dynamik beruht auf der lokalen Umgestaltung importierter Elemente, den hieraus entstehenden Formen und den weiteren Umgestaltungen dieser Elemente. Eine Impfkampagne mit dem gleichen Impfstoff in Großbritannien, dem Punjab oder in Heilongjiang geht möglicherweise mit völlig unterschiedlichen politischen, sozialen und kulturellen Prozessen und Konflikten einher, die sich wiederum mit der Zeit verändern. So können europäische Meditationspraktiken aus Japan, die selbst im Rahmen einer lange währenden Migration ostwärts durch Asien so umfiguriert werden, dass sie zum Abbau von Stresssymptomen im modernen urbanen Leben beitragen, eventuell in dieser neuen, aber scheinbar authentischen Gestalt wieder nach Japan gelangen. Die sich so ergebenden „multiplen Modernitäten“ lassen sich am besten verstehen, wenn man sie als besondere Konstellationen der zunehmend global verlaufenden kulturellen Austauschprozesse begreift.

Die zweite Herausforderung betrifft die Frage der Agentschaft. Vor dem Hintergrund der vermeintlichen Autorität des modernen Staates bei der Festlegung und Durchsetzung von Normen und der Autorität des schulmedizinischen oder umweltschutzorientierten Establishments bei der Entscheidung über individuelle und kollektive Gesundheit sowie umweltpolitische Wegrichtungen setzen sich Patienten/innen und Gemeinschaften häufig mit Unterstützung von Fachleuten ihre eigenen Ziele, und zwar auf der Grundlage eigener Normen, die z.B. Wirksamkeit, religiöse Vorschriften, Kosten oder langfristige Tragfähigkeit betreffen. Hierbei können sie zu eigenständigen Agenten werden, welche kulturelle Austauschprozesse in die eine oder andere Richtung auslösen, deren Legitimität zwar einerseits umstritten ist, die aber andererseits die Autorität der existierenden Mächte in Frage stellen.

Das Ergebnis ist ein komplexer Prozess von großer historischer Tragweite, der auf allen Seiten kontinuierlich mit globalen Elementen interagiert, dessen Verständnis aber aufgrund interessengeleiteter Bemühungen, sowohl die historischen Narrative als auch die sich daraus herleitenden praktischen Konsequenzen zu rationalisieren, erschwert wird.

Die dritte Herausforderung steht in Zusammenhang mit Praktiken, ihrer sehr lockeren Beziehung zu Konzepten und Institutionen mit deren oftmals normativem Rahmen und der Bereitschaft, die gleichzeitige Präsenz von solchen Elementen zu tolerieren, die auf einer höheren Abstraktionsebene inkompatibel erscheinen mögen. In dieser Hinsicht sind Bourdieu und Taylor entscheidende Vorstöße gelungen.
Problematisch sind hier vor allem die Quellen (schriftliche Aufzeichnungen über solche Praktiken sind sogar für Angehörige der Eliten sehr dürftig) und die Methodik ihrer Auswertung (ihre Weitschweifigkeit, die stillschweigende Einverleibung von Elementen anderer Herkunft sowie die begrifflich nicht erfasste Ebene der Konsistenz). Eine weitere Problematik stellt die Integration dar; denn eine einfache Subsummierung unter normative Kategorien würde die Kreativität und Vitalität der oftmals subalternen Akteure missachten, die neue lebenswerte Optionen schaffen, welche sich den alten Optionen entziehen und oftmals als Vorboten eines neuen kategoriellen Universums auftreten.

Aus diesem Grund konzentriert sich Forschungsbereich C auf Transformationen von Heilsystemen zwischen Europa und Asien in Bezug auf Wissen (medizinische Theorien, Universitätslehrpläne), Objekte wie Medikamente, Heilpflanzen und Krankenhausausstattung), Menschen (Ärzte/innen, Patienten/innen, Touristen/innen, Immigranten/innen), Einrichtungen (Krankenhäuser, Ausbildungsstätten für medizinisches Personal, Yogaschulen) und vieles mehr. Am wichtigsten ist aber vielleicht die Tatsache, dass es sich hierbei um Praktiken (des Heilens, der Verwaltung, der Meditation, des Tourismus, der Produktion etc.) handelt, die ausgetauscht und umgewandelt werden.
Die Sprache der Praxistheorie ermöglicht es uns, über den Austausch und Transfer von Wissen, Menschen, Institutionen und vieles andere mehr innerhalb der Grenzen eines einzigen Paradigmas zu sprechen. Funktion des Begriffs „Praxis“ ist es, eine Reihe von Dichotomien zu überwinden, insbesondere die Dichotomien individuell/sozial und subjektiv/objektiv, die den Sozial- und Humanwissenschaften schon lange zu schaffen machen. Wenn wir von Heilsystemen in Europa und Asien sprechen, meinen wir tatsächlich Netzwerke von Praktiken – und, wie Bourdieu gezeigt hat, beziehen Praktiken sowohl Personen als auch Objekte mit ein (z.B. Heroin schmuggeln, einem Studenten die Bedienung eines Röntgenapparates beibringen, die Zubereitung ayurvedischer Arzneimittel lernen).

Die Umwelt betreffende Konzepte, Institutionen und Praktiken kommen in den Debatten aller Forschungsbereichen vor, denn Umwelt ist kein Synonym für Natur, sondern umfasst sowohl das kulturelle Imaginäre als auch die Beziehung zwischen den Menschen und ihrer biophysikalischen Umgebung. Auf den unterschiedlichen Stufen des ökologischen und umweltbewegten Denkens sind asiatische Wahrnehmungen durch westliche Einflüsse so weit transformiert worden, dass sie in das Imaginäre eine bessere und ursprünglichere Stufe einbauten, die einen Kontrast darstellt zu der ins Auge gefassten Verschlechterung infolge von Bevölkerungsexplosion und gefährlichen, die Weltgesundheit bedrohenden Krankheiten.
Mit der Einführung neuer Pflanzen, Tiere und Energiequellen in Asien sowie der Verbreitung moderner industrieller Praktiken haben Konzepte wie Evolution, Ökosystem oder grünes BIP sowie Kontrollsysteme, Formen des bürgerlichen Aktivismus und romantische Vorstellungen von unberührter Natur über einen asymmetrischen Austauschprozess, der selbst bereits viele asiatische Merkmale absorbiert hatte, ihren Weg in die asiatischen Gesellschaften gefunden.
Der Cluster kann die lokalen Umgestaltungen dieser Merkmale anhand einer Analyse einer breiten Palette verwandter Elemente erforschen, welche von asiatischen Verhaltensroutinen bis hin zu philosophischen Reflexionen über die „natürliche“ Ordnung der Dinge (Donald Worster, Nature’s Economy, 1994) reichen. Zudem sind ökologische und die Umwelt betreffende Paradigmen hervorragend geeignet, die lokale Elite in ihrem Modernisierungsstreben zu verunsichern und zu beeinflussen: Wie auch im Westen ist die asiatische Umweltschutzbewegung häufig eine Form des Widerstandes, die sich nicht auf den Schutz der Natur beschränkt (A. Kalland und G. Persoon, Environmental Movements in Asia, 1998).

Dank des signifikanten Engagements von Frauen und einer großen Anzahl von Akteuren aus dem Nicht-Regierungslager gelingt es dem Umweltaktivismus mit seinen gut organisierten transnationalen Netzwerken immer wieder, auf globaler und lokaler Ebene Aufmerksamkeit zu erregen. Darüber hinaus sind Ökologie und Umwelt in der ethnologischen Forschung innovative Themen mit interdisziplinärem Potenzial (Paul E. Little, „Environments and Environmentalism in Anthropological Research“, in: Ann. Rev. Anthropol. 28, 1999, 253–284).

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