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Forschungsbereich B: Öffentlichkeit & Medien

Thema des Forschungsbereichs B sind jene „Öffentlichkeiten“ – im Sinne von Medien, Ereignissen und Räumen –, die infolge politischer und kultureller Austauschprozesse zwischen Asien und Europa entstanden sind und weiterhin entstehen. Drei Forschungsschwerpunkte befassen sich mit verschiedenen Formen historischer und gegenwärtiger Öffentlichkeiten, wobei folgende Aspekte im Vordergrund stehen: a) Medialität, Visualität und Textualität im Verhältnis zur Produktion und Übertragung bzw. Übersetzung öffentlich gemachter Texte, Bilder oder musikalischer Werke, b) Aspekte des öffentlichen Lebens, Ereignisse und Performanz als öffentliche Bestandteile sozialer Praktiken und c) Aspekte des öffentlichen Raums und der Urbanität, insbesondere in Ballungszentren wie Megastädten, einschließlich neuer multiethnischer und diasporischer Öffentlichkeiten, die ihre Existenz nationaler und transnationaler Migration verdanken.

Bei der Fokussierung auf die Entstehung von Öffentlichkeiten dient das besondere Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft, wie es sich im „Westen“ herausgebildet hat, als Ausgangspunkt. Dazu gehörten die konzeptuelle Trennung zwischen einem expandierten, bürokratisierten Staat und einer Zivilgesellschaft; die Zirkulation von Kapital, Informationen und Meinungen auf einem regulierten oder liberalisierten Markt; eine dynamische Interaktion von einander fremden Menschen, die sich mit Fragen von beiderseitigem Interesse beschäftigen (Gesellschaftsvertrag); eine Reihe von Konzepten, Institutionen und Praktiken zur Sicherstellung des Kommunikationsflusses und zur Verhandlung von Interessen und Werten. So entstand ein überaus rationaler „ziviler Umgang miteinander“, d.h. die weitgehend gewaltfreie Lösung von Konflikten zwischen Staat, Zivilgesellschaft und einer Vielzahl von Öffentlichkeiten. Die konzeptuelle Trennung zwischen Staat und Gesellschaft, die sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts in Europa herauskristallisiert hat, ist durch einen typischerweise asymmetrischen Austausch weltweit zu einem strukturellen Merkmal moderner Nationalstaaten und Öffentlichkeiten geworden.

In Anlehnung an jüngste kritische Erörterungen über Habermas' Werk (Nick Crossley und John M. Roberts, After Habermas, 2004) erweitern und entwickeln wir das, was Habermas unter „Öffentlichkeit“ versteht, in vier Punkten weiter: 1) ist die Öffentlichkeit kein dem Wesen nach neutraler Raum zwischen Staat und Gesellschaft, der den Äußerungen einer kritischen Öffentlichkeit und Elite vorbehalten ist.
2) kommt dem Staat auch über seine ordnenden Machtbefugnisse hinaus eine historisch-faktische und somit wichtige Rolle bei der Gestaltung der Öffentlichkeit zu. Diese Rolle ist insbesondere in Staaten mit einem Einparteiensystem gestärkt werden, während sie in jüngster Zeit in anderen Staaten durch transnationale Medien, wirtschaftliche Liberalisierung und Migration geschwächt wurde.
3) ist die Öffentlichkeit von ihrem Wesen her transnational und potenziell global und grenzt nicht an den nationalen Raum an (Rudolf G. Wagner, Joining the Global Public, 2007). Deshalb müssen die Beziehungen zu „Heimat“, „Wurzeln“ und „Routen“ (James Clifford, Routes and Roots, 1997; Steve Vertovec, Hindu Diaspora, 2000) neu untersucht werden.
4) ermöglicht der Begriff „Öffentlichkeit“ nicht nur die Eröffnung eines rationalen Diskurses über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse, sondern wirkt sich über eine breite Palette von Äußerungen aus, die vom rein Unterhaltsamen bis hin zum undurchsichtig Manipulativen reichen.

Die aufklärerische Annahme, eine informierte Öffentlichkeit verfüge über eine kollektive Rationalität im Sinne eines gesunden Menschenverstandes, schwingt in einigen Deutungen von Öffentlichkeit mit, ist aber auch in Europa selbst angezweifelt und in verschiedenen Teilen Asiens sehr unterschiedlich rezipiert worden. Ernsthafte Zweifel an der Reife der Öffentlichkeit rechtfertigten repressive Maßnahmen und Bestrebungen selbsternannter politischer Avantgarden, die gesamte Bürgerschaft im Sinne der „Modernität“ umzumodeln, gingen mit dem Anspruch auf vollständige Kontrolle über die Öffentlichkeit einher. Auch wenn diese Erfahrungen aus dem zaristischen Russland, der Kommunistischen Internationale oder Mussolinis Italien noch innerhalb des kategoriellen Universums der Moderne wirkten, boten sie asiatischen Reformern doch ernstzunehmende Alternativen zum angelsächsischen beziehungsweise französischen Modell.

Keine asiatische Gesellschaft hat je eine Variante des Grundmodells einfach nur reproduziert. Der Forschungsbereich „Öffentlichkeit und Medien“ konzentriert sich auf die asymmetrische Ausbreitung des Konzepts der Öffentlichkeit und möchte die daraus hervorgegangene Konstruktion „multipler Modernitäten“ und multipler Öffentlichkeiten erforschen. Sein Ansatz sieht die kritische Erweiterung der normativen und idealisierenden Vorstellung von einer Öffentlichkeit vor, welche auf der Grundlage einer kollektiven Rationalität im Sinne des gesunden Menschenverstandes handelt, unter Einbeziehung des „sozialen Imaginären“ als einer Kraft, die Einstellungen, Meinungen und Handlungen steuert. Dieses zuerst von Cornelius Castoriades eingeführte Konzept bezieht sich im weitesten Sinne auf die Art und Weise, wie Menschen sich ihr kollektives soziales Leben und Handeln vorstellen.

Innerhalb dieses Forschungsbereichs sollen auch jene Prozesse untersucht werden, durch die diese Öffentlichkeiten in unterschiedlichen Nationen und Regionen wiederum die Plattform und den Rahmen für die Entfaltung charakteristischer Modernitäten in ihrer kontinuierlichen Interaktion mit „universellen“ Formen und Erfahrungen von Modernität (Nationalstaat, Wissenschaft und Technologie, Entwicklung, Säkularisierung etc.) wirksam werden. Allerdings haben unterschiedliche Ausgangspositionen, wie z.B. Kolonialismus, Imperialismus und Nationalismus, aber auch die starken Einflüsse von globalen Medien, Migration und Kapital dazu beigetragen, dass zahlreiche unterschiedliche Reaktionen auf  solche Veränderungen zu verzeichnen sind, die im globalem Maßstab relativ ähnlich ablaufen.

Aus diesem Blickwinkel werden Öffentlichkeiten und Modernitäten „anderswo“ oder in vormodernen Zeiten nicht logischerweise als „korrupte Abweichungen“ von einem Prototypen wahrgenommen, sondern vielmehr als Kennzeichen eines „alternativen sozialen Imaginären“ (Dilip P. Gaonkar, “Towards New Imaginaries”, in: Public Culture, 2002). Das Konzept der „Öffentlichkeiten“, also im Plural, ermöglicht es uns, die Existenz von Parallel- und Gegenöffentlichkeiten beziehungsweise die Entstehung einer globalen Öffentlichkeit in Betracht zu ziehen und uns somit mit unterschiedlichen Arten von öffentlicher Identität und Zugehörigkeit, Solidarität, Partizipation und Dissens auseinanderzusetzen.

Sowohl in Europa als auch in Asien wurde die Öffentlichkeit zur Sicherstellung des Informations- und Meinungsaustauschs zwischen Herrschern und Beherrschten sowie innerhalb der Gesellschaft als eine Voraussetzung in dem Sinne instrumentalisiert, dass sich nationale Energien durch Konsens nutzbar machen lassen. Die Öffentlichkeit teilt sich den Raum mit dem Markt, der mit seiner öffentlichen und geregelten Zirkulation von Waren, Ideen und Menschen als Konkurrent ähnlich strukturiert ist. Diese vermutete Offenheit, ihre potenzielle Stoßkraft und die kommerzialisierte (ja, sogar fetischisierte) Form vieler Elemente in der Öffentlichkeit haben politische bzw. kommerzielle Kräfte, religiöse, subalterne oder randständige Gruppen veranlasst, miteinander um Mitsprache, Kontrolle oder gar um Hegemonie zu ringen.

Institutionen und Praktiken der Öffentlichkeit wurden in Ost- und Südasien von lokalen Eliten oder Kolonialregierungen und ihren Mitbewerbern in grundverschiedenen Kontexten eingeführt und je nach historischem Kontext (wie z.B. Kolonialisierung), Form der Regierungsführung (wie z.B. Einparteienherrschaft), bestehender Marktpolitik und sozialen Beziehungen oder Verträgen für ganz unterschiedliche und sich wandelnde Zwecke eingesetzt. Eine Auffassung von Öffentlichkeit, die ihre rechtmäßigen Manifestationen auf das reduziert, was in Europa als normativ definiert wurde, verkennt nicht nur die vielfältigen, unter anderem asiatischen Elemente, die dieses Merkmal der Modernität ausmachen, sondern auch die moderne Realisierbarkeit und Akzeptanz vormoderner asiatischer Werte und Vorstellungen in Bezug auf Gemeinwohl, Medien, Raum, Bildung und Lebensstil.

Deshalb untersucht dieser Forschungsbereich, auf welch vielfältige Art und Weise die Konzepte „öffentlich“ und „Öffentlichkeit“ in unterschiedlichen historischen und zeitgenössischem Kontexten Gestalt angenommen haben; auf welch unterschiedliche Arten sie von sozialen Akteuren, die jeweils unterschiedlich motiviert sind und über unterschiedliche Mittel verfügen, verhandelt und an den Tag gelegt werden, und er widmet sich außerdem den doch sehr bemerkenswerten Folgen der Art und Weise, wie die (de)legitimierende Vorstellungen vom „Anderen“ und von uns selbst geschaffen wurden.

Die „Struktur“ von Öffentlichkeit ist heterogen, vom Wesen her überaus dynamisch und variiert über geographische, soziale, historische und mediengenerierte Bereiche hinweg. Einfache binäre Gegensätze wie modern/traditionell, religiös/säkular, privat/öffentlich, elitär/populär haben sich für solche Untersuchungen als zu grobe Raster erwiesen.
Eine der tiefgreifendsten Veränderungen steht in Zusammenhang mit den Asymmetrien, die durch den Einfluss der Massenmedien auf die zwischenmenschlichen Beziehungen entstanden sind und neue Öffentlichkeiten sowie neue Sozialisations- und Kommunikationsformen geschaffen haben (Craig Calhoun, „Tiananmen, Television and the Public Sphere“, in: Public Culture 2, 1989: 54–72). Bringen die Globalisierung der Medien und die digitale Revolution neue Asymmetrien des Wissens, der Macht und der Gemeinschaftsproduktion hervor? Sowohl kommerzielle als auch politische Akteure haben versucht, den Zugang zur „virtuellen“ Öffentlichkeit zu beschränken und zu kontrollieren und den öffentlichen Bereich durch Privatisierung oder Nutzung für Propagandazwecke zu „kolonialisieren“. Die Wirklichkeit hat die Prognosen jedoch nicht bestätigt. Durch radikalisierte asymmetrische Austauschprozesse wurde die tatsächliche Entwicklung von lokalen Akteuren und sogar von Randakteuren geprägt, denen es erstaunlicherweise gelang, in der vorhergesagten homogenen und eindimensionalen, von starken Mächten und großen Konzernen dominierten öffentlichen Artikulation ihr eigenes kulturelles Programm auf die Bühne der globalisierten Medien zu bringen. Statt ganze Bevölkerungsteile einem passiven, vereinheitlichten und globalisierten, über die Medien vermittelten „Infotainment“ zu unterwerfen, kommt vielmehr das kreative Potenzial solcher Medien im Bereich der kulturellen Produktion zur Entfaltung.
Diese Medien ermöglichen es lokalen Akteuren oftmals, regionale Performanztraditionen wiederzubeleben, ein „Archiv“ von Historizitäten und adaptierten Praktiken des kollektiven Gedächtnisses zu gestalten und sich von ihrer Position an der Peripherie aus sogar auf dem internationalen Literaturmarkt zu etablieren oder spezifische Bedeutungen und Funktionen unserer Sinne, seltene lokale Dialekte und Sprachen sowie Performanztraditionen von Kulturerbe und Historizitäten zu erhalten (vgl. Forschungsbereich D).

Andererseits hat dies nicht zu dem vorausgesagten WWW-induzierten Untergang der nationalistischen Autokratie des Einparteienstaates geführt, sondern dieser Staat bewies äußerstes Geschick darin, die Kontrolle über lebenswichtige Sektoren der Öffentlichkeit zu behalten, während andere Gebiete, wie etwa der Unterhaltungssektor, liberalisiert wurden. So kommen neue Strukturen der Öffentlichkeit zum Vorschein. Dabei werden die alten Kontrollstrukturen umfunktioniert, und neue soziale Gruppen erhalten Zugang zu einer Domäne, die die bisherigen Machtverhältnisse, etwa durch die Schaffung transnationaler „elektronischer Imperien“ (Daya K. Thussu, Electronic Empires. Global Media and Local Resistance, 1998), in Frage stellen. In ihnen spiegelt sich das wider, was Thomas J. Friedman (in The World is Flat, 2004) als eine infolge der Globalisierung „flache Welt“ bezeichnet hat.

Die ersten, vorrangig theoretischen Untersuchungen zur globalen Ökumene (Ulf Hannerz, Transnational Connections, 1996), zu Austauschprozessen und „Scapes“ (Arjun Appadurai, Modernity at Large, 1996), zum Habitat (Zygmunt Baumann, Intimations of Postmodernity, 1992) und zum World Wide Web (Steven Gan, James Gomez und Uwe Johannen, Asian Cyberactivism, 2004) haben deutlich gemacht, wie notwendig eine genauere empirische Erforschung und theoretische Auseinandersetzung auf diesem wichtigen Gebiet ist.

Jede Öffentlichkeit schließt auch bestimmte andere Öffentlichkeiten aus oder drängt sie an den Rand (z.B. dadurch, dass sie sie als „gesetzlos“, „unkultiviert“, „konterrevolutionär“, „inkompetent“ oder „ungläubig“ stigmatisiert). So werden die Weichen für eine Zersplitterung der Öffentlichkeiten in solche öffentliche Bereiche gestellt, die zwar in Bezug auf Inhalte, Werte oder Sprache wenig miteinander gemein haben, aber dennoch in einem – häufig stummen – Dialog mit den Regeln und Praktiken der dominierenden Öffentlichkeit verharren.

Ein besonderes Interesse des Clusters gilt jenen Aktivitäten an der Basis, bei denen zur Gestaltung und Beeinflussung der öffentlichen Debatte lokalsprachliche und vertraute Handlungsidiome verwendet werden. Sie bilden einen Gegenpol zu den elitären Diskursen, denen gerade von den neuen Medien oftmals auf besonders dramatische Weise mehr Macht zugestanden wird. Folglich rücken lokalsprachliches visuelles und akustisches (audio-)visuelles Material, graue und mündliche Literatur sowie immaterielle Praktiken (Rituale, Theateraufführungen, politische Ereignisse, Habitus) oder, anders formuliert, bisher weitgehend vernachlässigtes und marginalisiertes Material in den Mittelpunkt unserer Forschung. Dazu muss ein neuer wissenschaftlicher Rahmen entwickelt werden, in dem wir uns mit alternativen Konzepten von öffentlichen Schauplätzen im modernen und vormodernen Asien und Europa befassen. Erforscht werden kollektive und öffentliche Ereignisse (Don Handelman, Models and Mirrors, 1998 [1990]) sowie die Entstehung von subalternen, partiellen Öffentlichkeiten oder Gegenöffentlichkeiten.

Eine entscheidende Rolle in diesem Zusammenhang spielt die Performativität als Form der Beteiligung mancher dieser Öffentlichkeiten an der Identitäts- und Meinungsbildung sowie an der performativen Schaffung des modernen sozialen Imaginären, des Nationalstaats oder sogar von Kapital (Benjamin Lee und Edward LiPuma, „Cultures of Circulation“, in: Public Culture, 2002). Multiple lokale und translokale Kulturen öffentlicher Performanz haben versucht, ihren Einfluss auf die öffentliche Debatte und die Stellung ihrer Akteure dadurch zu erhöhen, dass sie einen neuen Jargon der Moderne entwickelt haben, der sich durch seine Redewendungen und Werte von den Diskursen der Elite unterscheidet. Das Hauptaugenmerk liegt hier auf unterschiedlichen Formen von Räumlichkeit, Kommunikationsmedien und den Mitteln der Performanz, wobei insbesondere die Auswertung der Beziehungen zwischen Raum, Bild, Wort und Praxis im Mittelpunkt steht.

In diesem Zusammenhang werden wir das Spannungsfeld zwischen einer postulierten „flachen“ nationalen, regionalen oder globalen Öffentlichkeit und den von anderen Wissenschaftlern/innen hervorgehobenen „besonderen“, „tief verwurzelten“ Primärloyalitäten innerhalb bestimmter Gruppen, die sich über Kasten-, Sippen-, Stammes-, Sekten- oder Religionszugehörigkeit definieren, erforschen.

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