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A27 Weltordnungen

Weltordnungen in Transkultureller Perspektive: Vormoderne Konzepte von Kontinent und Imperium

Koordination: Bernd Schneidmüller, Klaus Oschema

Zusammenfassung

Kaiser Augustus im Liber Floridus des Mönches Lambert von St. Omer (ca. 1120).
Der imperiale Anspruch auf universale Herrschaft wird durch die traditionelle T-O Karte symbolisiert, die der Kaiser in seiner Linken hält. Die Karte ist geostet und zeigt die drei Weltteile Asien, Europa und Afrika und repräsentiert damit die ganze Welt.
(Gent, Universiteitsbibliotheek, Ms. 92, fol. 138v.)

Kaiser Augustus im Liber Floridus des Mönches Lambert von St. Omer (ca. 1120).
Der imperiale Anspruch auf universale Herrschaft wird durch die traditionelle T-O Karte symbolisiert, die der Kaiser in seiner Linken hält. Die Karte ist geostet und zeigt die drei Weltteile Asien, Europa und Afrika und repräsentiert damit die ganze Welt.
(Gent, Universiteitsbibliotheek, Ms. 92, fol. 138v.)

Weit ausgreifende Groß- oder Meta-Kategorien, die bei der Ordnung der sozialen oder physischen Welt Einsatz finden, wie etwa ‚Kontinente‘ oder ‚Imperien‘, spielen bei der Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung von Gesellschaften eine bedeutende Rolle: Sie tragen zur Herausbildung einer spezifischen Weltsicht bei und ermöglichen es Akteuren (sowohl Individuen als auch Institutionen), sich in diesem Bezugsystem zu verorten und auch ihr Handeln entsprechend auszurichten. Das Projekt „World Orders in Transcultural Perspective“ fokussierte auf die Wechselbeziehungen, Wandlungen und Einflüsse solcher Metakategorien in der Vormoderne. Damit nahm es eine Zeit in den Blick, die von der Intensivierung des Austauschs zwischen europäischen und asiatischen Gesellschaften geprägt war, so dass divergente Entwicklungen ebenso untersucht werden konnten, wie Prozesse der gegenseitigen Wahrnehmung und Beeinflussung.

Der gewählte Zugang kann mit den Befunden zur Ordnungskategorie ‚Imperium‘ illustriert werden: Die Begriffe Imperium bzw. imperator standen im lateinisch-europäischen Mittelalter für eine herrschaftliche Autorität, die ideell über jene eines Königs hinausging. In diesem Sinn fanden sie in unterschiedlichen Kontexten Anwendung, die sich grob in zwei Bereiche gliedern lassen: Zum einen wurden imperiale Titulaturen zur Selbstbeschreibung genutzt, so etwa vom Römischen Kaiser (imperator Romanorum), aber auch von angelsächsischen und iberischen Königen (imperator Anglorum, imperator Hispaniae). Zum anderen bot der imperator-Titel verschiedensten Autoren aber auch die Möglichkeit, die Machtstellung fremder Herrscher in einer Terminologie zu erfassen und zu beschreiben, die ihnen und ihrem Publikum vertraut war. Dies wurde insbesondere ab dem 12. Jahrhundert relevant, als die lateinische Christenheit in dichter werdende transkulturelle Kontakte und Austauschprozesse eingebunden wurde: So wurden der seldschukische Sultan in der Kreuzzugschronistik zum imperator Persidis und der mongolische Khan in Reiseberichten zum imperator Tartarorum. Aus dieser Tradition heraus wurden Imperien global gesehen zählbar und avancierten zu einer Kategorie der umfassenden Weltordnung: Der Konstanzer Chronist Ulrich Richental listete um 1420 insgesamt neun Imperien auf – und betonte ausdrücklich, dass sich sieben davon in Asien befänden.
Die Gliederung der bekannten Welt in drei Erdteile war eines der zentralen Grundmuster des mittelalterlichen Weltbilds in christlichen wie in muslimischen Traditionen. Vor allem in der lateinisch-christlichen Sicht kam Asien ein klarer Vorrang vor Europa und Afrika zu: Es galt als der größte Kontinent und wurde als Erdteil beschrieben, der die Heimat von Reichtümern, wundersamen Geschöpfen und eben mächtigen Herrschern war. Im äußersten Osten der Oikumene – weit von den christlichen Königreichen Europas entfernt – verortete man das Paradies. Sowohl die dreiteilige Gliederung als auch topische Zuschreibungen an die Erdteile zeigen in der lateinisch-christlichen Tradition durch das gesamte Mittelalter hindurch eine erstaunliche Beständigkeit: Zwar führten zahlreiche Erkundungsreisen seit dem 13. Jahrhundert zu einem enormen Wissenszuwachs, die Vorstellung von Asien bzw. dem Orient als Gegend der Wunder und Superlative aber blieb präsent.
Der vergleichende Blick auf Muster der geographischen Weltordnung in der islamischen oder gar der chinesischen Tradition kann dann nicht nur zeigen, dass die Ausprägungen der Ordnungskategorien kulturell geprägt waren. Darüber hinaus verdeutlicht er neben der Existenz alternativer Ordnungsmuster auch die enge Verbindung der jeweiligen Ausprägungen des geographischen Weltbilds mit weiteren Aspekten, wie etwa der Religion, Politik und Kultur. Während Europa sich im späten Mittelalter politisch zunehmend durch die Pluralität seiner Königreiche auszeichnete, die auch explizit reflektiert wurde, geriet Asien für lateinisch-christliche Autoren zum Imaginationsraum, in dem man mächtige Imperien verortete.
Ausgehend von den eigenen Arbeiten, deren Akzent auf den Kategorien ‚Kontinent‘ und ‚Imperium‘ lag, organisierte das Projekt vom 10.-12. November 2016 eine interdisziplinäre Abschlusskonferenz: Auch zur Anregung künftiger Forschungen in transkultureller Perspektive steht hier die Frage im Zentrum, ob und inwiefern die Anlage politischer, geographischer oder religiöser Ordnungskategorien auf Akteure oder Gruppen handlungsleitend wirkte.

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