Sub Navigation

Seite drucken. Seite weiterempfehlen.

Forschungsbereich A: Regierungskunst & Verwaltung

Dieser Forschungsbereich befasst sich mit kulturellen Prozessen, über die Konzepte, Institutionen und Praktiken, die mit Regierungskunst und Verwaltung in Zusammenhang stehen, auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene zwischen Kulturen übertragen und in einem kontinuierlichen, aber nicht-linearen historischen Prozess umgestaltet werden. Ziel ist es, in allen drei Bereichen die besonderen Faktoren zu ergründen, die solche Prozesse auslösen, vorantreiben bzw. blockieren. Ferner sollen deren Inhalte ausgearbeitet, die sich aus diesem Prozess ergebenden transkulturell gemeinsamen, meist immateriellen Hauptmerkmale erfasst und die Dynamik aufgezeigt werden, mit der die betreffenden Kulturen auf die von ihnen in ihrer Regierung und Verwaltung wahrgenommene Asymmetrie reagieren.

Dem institutionellen Rahmen menschlicher Gemeinschaften kommt im Lebensumfeld von Individuen und Gruppen eine Schlüsselrolle zu. Dieser Rahmen entwickelt sich auf der Grundlage eines komplexen Wechselspiels zwischen einem sich verändernden sozialen Imaginären und den real existierenden Mächten. Solche Gemeinschaften befinden sich in ständigem Kontakt und Konflikt mit anderen Gemeinschaften und verändern durch den Austausch und Wettbewerb mit diesen ständig ihre Vorstellungen und Werte, ihre institutionelle Struktur und ihre Regierungsführung und Verwaltung. Asymmetrien in der Effizienz und Macht unterschiedlicher Gemeinschaften können zu asymmetrischen kulturellen Austauschprozessen führen, die darauf abzielen, ein mögliches Gefälle zu überwinden. Dieser Prozess gestaltet sich im Zeitalter der Moderne so radikal, dass er zu einem globalen Phänomen geworden ist.
 
Eine Folge der postmodernen und postkolonialen Verlagerung des Interesses so mancher wissenschaftlicher Richtung hin zur Überschreitung von Grenzen, Normen und anderen Instrumenten staatlicher Ordnung sowie zu subalternen Akteuren besteht darin, dass die Relevanz der Erforschung von Staat, Regierungskunst und Verwaltung in Frage gestellt wird. Diese unter Vernachlässigung des Normativen vorgenommenen Vorstöße zum Transgressiven haben zwar den Weg für wichtige neue Forschungsfelder und Perspektiven geebnet, doch das Postulat, deswegen schon die Bedeutung von Regierungskunst und Verwaltung zu ignorieren, kann nicht überzeugen.
 
Das Forschungsfeld Regierungskunst und Verwaltung ist seit jeher die Domäne politologischer Ansätze, die von der internen Dynamik eines gegebenen (westlichen) Gemeinwesens und einem bevorzugten Vergleich der relativen Effizienz unterschiedlicher Systeme mit einer Reihe gegebener externer Normen ausgehen.  

Ähnliche Ansätze finden sich auch in der Geschichtsforschung, die beispielsweise die Effizienz des Römischen Reiches und des Han-Reiches bei der Verwaltung einer großen, ethnisch vielfältigen Bevölkerung unter der Bedrohung durch Nachbarn mit hoher militärischer Schlagkraft vergleicht. Dieser Ansatz stützt sich auf zwei Hypothesen: Zum einen wird angenommen, dass es eine Reihe „objektiver“ Probleme gibt, die menschliche Gemeinwesen unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund lösen müssen, und zum anderen, dass der Mensch eine Reihe grundlegender Eigenschaften besitzt, die – wiederum unabhängig von der kulturellen Umgebung – weithin voraussagbare Handlungen und Reaktionen auslösen.

Solch ein vergleichender Ansatz bietet zwar den Vorzug, dass Merkmale durch Gegenüberstellung klarer herausgearbeitet werden können, doch er vernachlässigt die überwältigende, wenn auch weitgehend unerforschte Evidenz für den tatsächlichen Austausch von Konzepten, Institutionen und Praktiken der Regierungskunst und Verwaltung über nationale und kulturelle Grenzen hinweg. Dieser wirkt aber als gemeinsames Erbe fort und dient auch als gemeinsame Plattform für den Austausch von Erfahrungen, für Polemik und Debatten. Beides zusammen, das gemeinsame Erbe und die gemeinsame Plattform, bildet die Grundlage für formelle transnationale Institutionen und informelle transnationale Netzwerke.

Der Systemwettbewerb zwischen Staaten in Bezug auf ihre interne Verwaltung funktioniert ebenso wie die Interaktion zwischen Staaten auf der Grundlage sowohl des nationalen Interesses als auch einer ganzen Reihe gemeinsamer, aber unterschwellig wirkender Merkmale, welche sich von kulturellen Austauschsprozessen herleiten. Dazu gehören im modernen Zeitalter Fragen bis hin zu einzelnen Punkten verfassungsrechtlicher Bestimmungen, Vorstellungen von „Ordnung“ oder der Rechtmäßigkeit von obligatorischen Impfprogrammen für Kinder. Dieser Austausch ist ein fortlaufender Prozess, bei dem Konzepte und Strategien von Zar Peter dem Großen, Kaiser Wilhelm und der KPdSU mit denen von Walt Rostow oder John Rawls, aber ebenso mit den Erfahrungen asiatischer Nationen verschmelzen. Im Zuge ihrer Modernisierung haben asiatische Staaten und ihre Führungen beim Ausbau ihrer Funktion als Ausbilder und Förderer sowohl der traditionellen Eliten als auch der einfachen Leute unterschiedliche Wege eingeschlagen. Aufgrund ihres gemeinsamen Bezugspunktes weisen diese in der Moderne auffallende Ähnlichkeiten auf, betonen aber in ihrer Unterschiedlichkeit auch die Bedeutung des kulturellen Kontextes, in dem sie sich jeweils entfaltet haben.   

Eine Analyse der globalen Austauschprozesse soll dazu beitragen, diese Merkmale mit all ihren vielfältigen und umstrittenen Umgestaltungen sichtbar und in dem jeweiligen lokalen und historischen Kontext der Umgestaltungen verständlich zu machen. So kann das wissenschaftliche Verständnis von Regierungskunst und Verwaltung über Kulturen hinweg in historischer und kultureller Hinsicht vertieft und ein besserer Rahmen für die Analyse der politischen Geschichte in der Vergangenheit und des informierten Handelns in der Gegenwart geschaffen werden.

Suche

Veranstaltungen

Keine aktuellen Einträge vorhanden.

Stellenangebote

Keine aktuellen Einträge vorhanden.