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ROUNDTABLE: 1968 in Heidelberg, ein HCTS-Stadtgespräch

10. Jan 2019 17:00 Uhr bis 22:00 Uhr
Veranstalter: Organiser: Centre for Asian and Transcultural Studies (CATS), Konfuzius Institut, Völkerkundemuseum Heidelberg
Bibliothek des Deutsch-Amerikanischen Instituts, DAI

ROUNDTABLE: 1968 in Heidelberg, Heidelberger 1968—ein HCTS-Stadtgespräch


Mit Michael Buselmeier, Rudolf Wagner, Claus Koch und Klaus Staeck

Mit dem nächsten HCTS-Stadtgespräch, das eine Gruppe illustrer Heidelberger zusammenbringt, die, jeder auf seine Weise, 1968 in Heidelberg miterlebt haben, wollen wir unsere Veranstaltung zu „1968 global—China und die Welt“ fortführen. Es diskutieren der Grafik-Designer, Karikaturist und Jurist Klaus Staeck, der Schriftsteller und Lyriker Michael Buselmeier, der Sinologe Rudolf Wagner und der Psychologe und Publizist Claus Koch, moderiert von Barbara Mittler vom Heidelberger Centrum für Asienwissenschaften und Transkulturelle Studien (HCTS/CATS) und von Petra Thiel vom Konfuzius Institut an der Universität Heidelberg. Unsere noch bis Ende Januar fortgesetzte großformatig angelegte Veranstaltung „1968 global—China und die Welt,“ ist durch eine wunderbare Kooperation dieser beiden eben genannten Institutionen mit dem Völkerkundemuseum, dem Karlstorbahnhof, dem DAI möglich geworden, und wir danken vor allem dem Konfuzius Institut an der Universität Heidelberg, das der maßgebliche finanziellen Förderer dieser Veranstaltung ist.
 
„1968 global“ läuft seit September. In dieser Zeit haben wir versucht, das, was in den 60er Jahren auf der ganzen Welt geschah und jeweils lokal sehr partikular begann, sich dann aber allerorts in einer ganzen Serie von veritablen größeren und kleineren „Kulturrevolutionen“ (einige davon direkt inspiriert aus China) niedergeschlagen hat, aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten: In einer Vortragsreihe, die—zum Teil aus Sicht von Zeitzeugen, zum Teil aus Sicht von Nachgeborenen—diese lokalen „Kulturrevolutionen“ und ihre globalen Dimensionen in der ganzen Welt reflektiert; in einer Filmserie, die Filme aus der Zeit selbst und solche, die aus heutiger Sicht diese Zeit und ihre „Kulturrevolutionen“ verarbeiten, vorstellt; in einer Serie von Konzerten, die sozial engagierte Musiken aus der Zeit der „Kulturrevolutionen“ und der Gegenwart zum Klingen brachte und schließlich in einer Ausstellung, die auf die Erinnerungsmuster, die die chinesische Kulturrevolution in China bis heute zeitigt, hinweisen wollte.
 
Fast alle dieser Kulturrevolutionen, die um das „Schaltjahr 1968“ passierten, haben sich als „Revolten mit Langzeitwirkung“ (Koch) erwiesen—im Guten wie im Schlechten—und sind so als individuell und kollektiv Erlebtes vielfach nicht abgehakt, auch wenn sie, wie etwa in China, eindeutig klassifiziert (in diesem Fall negativ) und damit sicher eingeordnet worden sind. Als Gefühlsordnung (die Frust und Ekstase gleichermaßen einschließt) und die eben nicht solchen einfachen reduktiven Klassifizierungen gehorcht, ist die Erinnerung an diese Kulturrevolutionen auch heute noch Teil unserer Identitätsbildungen—auch der der Nachgeborenen, offensichtlich—und (in)form(ier)t also den Blick auf uns selbst und unsere Gesellschaft ebenso wie auf die Zukunftsphantasien, die wir zu generieren bereit waren und sind: sind wirklich alle Utopien von uns gegangen? (Buselmeier) Gibt es nicht mehr jenes “gemeinsame Ziel”, nämlich, die bestehenden Verhältnisse radikal zu ändern und die “herrschende Klasse” mitsamt dem Kapitalismus zu stürzen (Koch)? Ist Sehnsucht wirklich gar nicht mehr da (wie ein anderer Heidelberger Roundtable zu 68 im Bahnbetriebswerk im Juni 2018 schlussfolgerte)?
 
Noch einmal soll es in unserer Diskussion um die Frage gehen, wie und ob etwas, das oft mit Schweigen oder Scham überdeckt wird (im Extrem in der Leugnung—wenn 1968 zum Beispiel zum „Spätausläufer des europäischen Totalitarismus“ wird (wie bei Götz Aly)), also die Kulturrevolutionen nicht nur in China sondern eben auch in der Welt, mit ihren militanten und terroristischen Elementen, ihrem nicht unbedingt unschuldigen Glauben an Mao, ihrer Unterwerfung unter den Marxismus-Leninismus und kommunistische Kaderorganisationen, ihrem “Sympathisantentum” (also der “RAF-Bewunderung”, Buselmeier), wie (und ob) diese Kulturrevolutionen wieder sinnvoll und kreativ zum Sprechen gebracht werden können und sollen—und welches dafür die angemessene Sprache sein könnte. Wer will noch Teil der Bewegung gewesen sein, wer hingegen wechselt “auf die andere Straßenseite” (wie Claus Koch beobachtet) und warum? Wie spiegelt sich 1968 heute in der lokalen und der globalen Erinnerung? Welche Ästhetisierungen und Selbstästhetisierungen finden sich damals und heute? Wie tragen diese zur jeweiligen Erinnerung bei?
 
Alle, die wir für unsere Podiumsdiskussion als Gäste geladen haben, sind Vertreter einer Generation, die, zwischen 1938 und 1950 geboren, zumindest potentiell Teil jener kulturrevolutionären Bewegungen sein konnte. Sie alle haben die Zeit um1968 als junge Erwachsene irgendwie und irgendwann auch in Heidelberg erlebt, sei es, weil sie in Heidelberg aufwuchsen oder dort Abitur gemacht oder studiert haben; und Sie alle sind dorthin immer wieder, mit Abstechern nach Berlin und anderswo hin, zurückgekehrt. Sie alle haben sich damals und oft auch bis heute politisch engagiert und Sie alle sind (auch wenn sich der ein oder andere heute als eher “konservativ” bezeichnen würde, Buselmeier) recht konsistent eher linkeren, alternativen Strömungen gefolgt—vom Maoismus bis zur Sozialdemokratie, vom “Aktionskomitee unabhängiger sozialistischer Schüler” zu den antiautoritären Spontis. Und alle haben Sie irgendwie, mehr oder weniger vermittelt, mit dem Heidelberg zu tun, was sich, durch die 68er-Bewegungen mitbestimmt, mehr oder weniger verändert hat.
 
Für Sie alle hat die Zeit um 68 etwas bedeutet, für den einen mehr, für den anderen weniger. Nicht alle wollen Sie Wir-Erzählungen für die 68er billigen oder gar schreiben. Der eine würde sich selbst als 68er bezeichnen, der andere eher nicht. Manche von Ihnen sehen auf die Zeit der 68er zurück als “helle Jahre” (Koch), als Zeit des “Aufbruchs in Utopien, die sich letztendlich nicht erfüllt haben” (Buselmeier), andere fühlen auch heute noch die Notwendigkeit zum Aufbruch, sehen sie nicht als “bessere Zeiten” (auch wenn viel mehr WGs Staeck- Plakate aufgehängt hatten als vielleicht heute, im Sinne von “Nichts ist erledigt” und “Man kann mehr tun, als man denkt” (Staeck))?

20.15 Uhr: FILM 腊月三十日到来 Layue sanshi ri daolai (The Day of Reckoning/Tag der Abrechnung) Xu Xing 2018, 62 min.


Im Gespräch: Filmemacher Xu Xing und Lorenz Bichler (Institut für Sinologie, Heidelberg)

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