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Flows of Images and Media

organisiert von Prof. Dr. Christiane Brosius und Dr. Roland Wenzlhuemer

Konzept: “Transkulturation wirft ein Schlaglicht auf jene Bereiche, in denen sich die sorgfältig definierten Grenzen der Identität verwischen und überlagern – eine Aufgabe, die neue Geschichten, neue Ideen und neue Darstellungsformen erfordert" (Nicholas Mirzoeff 1997).  

Let textiles prosper
Let textiles prosper

Transkulturalität ist zweifelsohne ein Konzept, mit dem wir uns im Detail auseinandersetzen müssen, und zwar in seiner ganzen Komplexität, einschließlich der Kritik, die bereits vielstimmig gegen diesen relativ jungen Zweig der Globalisierungsforschung vorgebracht wurde. Wir sind der Überzeugung, dass die Erforschung der Austauschprozesse von Bildern und Medien unter diesem Blickwinkel unsere Fähigkeit und Kompetenz, transkulturell zu denken, zu schreiben und zu sprechen, verbessern wird.
Mit dem Thema dieser Jahrestagung stößt der Exzellenzcluster „Asien und Europa im globalen Kontext“ in neue Bereiche der Forschung zur Transkulturalität von Bildern und Medien vor. Der Cluster beschäftigt sich mit einem gegenwärtig drängenden Bedürfnis und will, ausgehend vom anspruchsvollen Ansatz der Transkulturalität, neue Fragen stellen und neue Konzepte entwickeln, oder aber konventionelle, häufig rein ethno- und eurozentrisch geprägte Konzepte modifizieren, die noch wie selbstverständlich in vielen der etablierten, aber auch der jüngeren geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen Anwendung finden.
Solche Konzepte reichen von Begriffen wie „Ursprung“, „ursprünglich“ und „Ursprünglichkeit“ bis hin zu solchen wie „Authentizität“ und „Wert“, „Geschmack“  und „Distinktion“. Sie rücken auch problematische Begriffe wie die Dichotomie von Indigenität und Hybridität, hoher und populärer Kunst, religiösem und säkularem Bereich als Unterscheidungsmerkmale in den Vordergrund.

Die Berechtigung und Begründung für den Umgang mit diesen Begriffen ist selbstverständlich bereits zuvor von vielen anderen in Frage gestellt worden; man denke nur an die verschiedenen Paradigmenwechsel, denen die Geisteswissenschaften in den letzten Jahrzehnten unterworfen waren; als Stichwörter seien hier nur "Literary Turn", "Performative Turn", "Visual Turn" oder "Cultural Turn" genannt. Diese intellektuellen und diskursiven Verschiebungen oder „Wendungen“ haben akademische Fachrichtungen wie Mittelalterliche Geschichte, Europäische Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Ethnologie erschüttert, zu Brüchen unterschiedlichster Art geführt und die Selbstreflektion und kritische Distanzierung von solchen Instrumenten der wissenschaftlichen Theorien, Methoden und Daten provoziert, die bis dahin als selbstverständlich gegolten hatten.

Wir möchten die einzelnen Fachrichtungen nicht für überholt erklären, sondern sie für neue Ansätze öffnen, wie sie durch die allgegenwärtigen Diskussionen über Globalisierung, Kolonalisierung und Modernität angefacht werden. In diesem Zusammenhang regt besonders das Konzept der Transkulturalität zum Nachdenken an – vor allem, wenn wir die unglaublich vielfältigen Bewegungen von Bildern und Medien über unterschiedlichste – nicht nur geographische –  Grenzen hinweg in Betracht ziehen.

Transkulturalität als heuristisches Werkzeug

Dieses Thema gestaltet sich insofern als kompliziert, als wir über die Rolle emischer Begriffe, wie z.B. Schönheit, Authentizität oder Realismus, nachdenken müssen, ohne diese auf nur einen einzigen Aspekt zu reduzieren. Darüber hinaus müssen wir in der Lage sein, über „single-sited“ Fälle hinaus visuelle und mediale Ökologien zu erkennen und die rhizomartigen Bewegungen von Bildern und Medien innerhalb unterschiedlicher öffentlicher und privater Sphären sowie zwischen diesen in diachronischer und synchronischer Sicht zurückzuverfolgen.
Ebenso müssen wir die Aspekte von Agentschaft und Perspektive, Raum und Ort berücksichtigen: Von einer bestimmten Position, von einem bestimmten sozialen Akteur, von einem bestimmten Punkt in Zeit und Raum aus gesehen, können die zu erforschenden Bilder und Medien eine völlig andere Bedeutung und Wirkung haben als in einem anderen Zusammenhang.

Transkulturalität ist also ein heuristisches Werkzeug, das Grenzen scheinbar bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen lässt, uns aber dennoch zwingt, die „Multi-sitedness“ und Multi-Perspektivität kultureller Produktion – vormoderner wie spätkapitalistischer Gesellschaften – zu erkennen.
 
Mediale und visuelle Darstellungsformen zwischen Asien und Europa

Die transzendierende und transformierende Aussagekraft des Präfixes „trans-“ in dem Begriff „Transkulturalität“ impliziert nicht nur, dass etwas in eine andere Richtung zielt, sondern deutet auf höchst komplexe Bewegungen und Veränderungen (und Stabilitäten) hin. Diese präzise nachzuvollziehen und zu übersetzen, ohne allzu sehr zu verallgemeinern, stellt alle geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen vor eine heikle Aufgabe. Solche Grenzüberschreitungen finden nicht nur über Sprachen und Kulturen hinweg statt. Sie betreffen auch mediale und visuelle Darstellungsformen. Dieser Aspekt der Grenzüberschreitung steht im Zentrum der diesjährigen Jahrestagung.

Bilder und Medien können dort ein tieferes Verständnis vermitteln, wo geschriebene Texte zu zögern, zu scheitern oder völlig zu fehlen scheinen. In der Tat gewinnt man den Eindruck, dass Bilder und Medien in vielen Fällen das geschriebene Wort verdrängt haben, vor allem dort, wo die Welt sichtbar und „real“ gemacht werden soll, also auch in der „virtuellen Realität“ des World Wide Web, das einen wesentlichen Bestandteil des sozialen Imaginären ausmacht (Gaonkar/Appadurai). In diesem Sinne lässt sich sogar argumentieren, dass Bilder und Medien es uns nicht nur ermöglichen, Geschichte per se zu erforschen, sondern dass sie in einer vernetzten, verknüpften, durch Asymmetrien bestimmten Welt selbst Geschichte schreiben und gestalten.

Der Cluster steht vor der Herausforderung, die unterschiedlichen transkulturellen Routen zu untersuchen, die Bilder und Medien auf ihrem Weg von Asien nach Europa und in umgekehrter Richtung zurücklegen. Es ist offensichtlich, dass die den Netzwerken und Beziehungen zwischen Asien und Europa zugrunde liegenden asymmetrischen Beziehungen eine besondere Herausforderung darstellen, und zwar heute mehr denn je, da wir angesichts der wirtschaftlichen Liberalisierung in Asien und der Wirtschaftskrise gerade eine Verlagerung des „Gleichgewichts“ erleben. Was steht hier auf dem Spiel?
Diese Frage behandelt der Cluster im Rahmen seiner vier Forschungsbereiche: „Regierungskunst und Verwaltung“, „Öffentlichkeit und Medien“, „Gesundheit und Umwelt“ sowie „Geschichte und Kulturerbe“.

Im Rahmen des Exzellenzclusters werden wir Überlegungen darüber anstellen, wie wir mit dem umgehen, was Nicholas Mirzoeff die „verflochtene Geschichte der visuellen Kolonialisierung und Transkultur“ nennt. Darüber hinaus möchten wir uns eingehend mit jenen Medienkulturen beschäftigen, die mit ihrer Verfügungsgewalt über Darstellungsmöglichkeiten aller Art eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung, Verbreitung, Institutionalisierung und Legitimierung kolonialer und imperialer Macht gespielt haben.
 
Fragen, die während der Konferenz erörtert werden sollen:

1. Tag: Image Itineraries and Migrations: Reading, Transporting, Producing, Presenting

  • Wie lässt sich die Geschwindigkeit und Qualität sowie das nomadische Wesen migrierender Bilder im Laufe der Geschichte und über geographische und medienbezogene Territorien hinweg untersuchen?
  • Inwieweit müssen wir unseren Blickwinkel und unsere Terminologien hinsichtlich der transkulturellen Verschiebungen und Brüche verändern, wenn Bilder und Medien Grenzen überschreiten? Dies könnte beispielsweise in Ländern relevant sein, in denen die Grenze zwischen säkularer und religiöser Sphäre und Praxis nicht so klar gezogen ist, wie wir das aus laizistischer Perspektive erwarten würden.
  • Müssen wir zwischen „globalen Ikonen“ und „nationalen“ oder „regionalen“ Ikonen unterscheiden, und wenn ja, wie? (z.B. Mohandas Gandhi in Indien und Deutschland; die Heilige Jungfrau Maria in der Französischen Revolution bzw. als Mutter Indien; Mao in China oder im Westen)
  • Inwiefern lassen sich Veränderungen in den „Reiserouten“ von Bildern mit einer veränderten Medientechnologie erklären?
  • Wie können wir die verschiedenen, am Austausch von Bildern und Medien beteiligten sozialen Akteure erforschen? Hilft uns die Kategorie der „Partizipation“, Transkulturalität besser zu verstehen?
  • Was können die verschiedenen Fachrichtungen der Geisteswissenschaften zu einem besseren Verständnis der miteinander verflochtenen Geschichten von Bildern und Bild-Erstellung in einer vernetzten Welt beitragen?

 
2. Tag: Media-scapes: agency of technologies between indigenous and transcultural flow

  • Medien spielen in transkulturellen Austauschprozessen eine Doppelrolle: 1) sind sie Wegbereiter und Träger solcher Prozesse, und 2) sind sie zugleich auch der Inhalt der Prozesse. Welche heuristischen Herausforderungen ergeben sich aus dieser Doppelrolle?
  • Inwieweit gestalten Medien den Charakter der Austauschprozesse mit? Verfügen Medientechnologien über eine eigene Agentschaft, mit der sie Richtung, Geschwindigkeit und Intensität solcher Prozesse beeinflussen?
  • Gestalten Medien und ihre besonderen Eigenschaften transkulturelle Kontakte und das Entstehen von Transkulturalität, oder handelt es sich bei ihnen lediglich um neutrale Träger?
  • Wie werden Medien in unterschiedlichen (trans)kulturellen Kontexten wahrgenommen, und inwiefern verändern sich solche Wahrnehmungen, wenn Medien migrieren? Welche Bedeutung haben Medien für unterschiedliche Beobachter in unterschiedlichen kulturellen Kontexten?
  • Was lässt sich über die Produzenten und Öffentlichkeiten verschiedener Medien, z.B. Telefon oder Satellitenfernsehen, bei ihrer Migration zwischen geographischen Territorien, etwa von Europa nach Indien, sagen?
  • Inwieweit lassen sich Medien und Bilder hinsichtlich ihrer Ausführungsform und Präsenz über Kulturen hinweg kontextualisieren (z.B. Cinephilie)?
  • Inwiefern helfen uns unterschiedliche Medien bei Überlegungen zur Ordnung von Wissen und Medienbildung über Kulturen hinweg? Welchen Sinn hat die Beschäftigung mit transkultureller Inter/Medialität über das Gebiet der Publikumsforschung hinaus? Ist es sinnvoll, sich Gedanken über „indigene“ Medien und Medienpraktiken zu machen? Können wir anders und differenzierter über den Begriff der Öffentlichkeit denken, wenn wir transkulturelle Medien und Intermedialität in unsere Überlegungen mit einbeziehen?
  • Lassen sich Agenten ausmachen, die darauf hinwirken, dass die „exhibitionäre Ordnung“ des visuellen und medialen Kolonialismus und somit die Beziehungen zwischen dem angeblichen „Zentrum“ und der angeblichen „Peripherie“ in Frage gestellt werden?

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