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Interview mit Leibniz Preisträger Joachim Quack

01. Jan. 2000

In diesem Interview spricht Prof. Dr. Joachim Friedrich Quack über seine Forschungsprojekte. Der renommierte Ägyptologe wurde kürzlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz Preis 2011 geehrt.

Die DFG würdigte Prof. Quack als einen der "international bedeutendsten deutschen Ägyptologen". Für das Jahr 2011 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft vier Wissenschaftlerinnen und sechs Wissenschaftler als Preisträger ausgewählt; Prof. Quack ist der einzige aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Preisverleihung findet im März in Berlin statt.  

Prof. Dr. Joachim Friedhelm Quack ist Direktor des Ägyptologischen Instituts an der Universität Heidelberg und koordiniert die Forschungsprojekte C1 "Medizinische Systeme" und D7 "Orientalische Kulte am Exzellenzcluster "Asien und Europa im globalen Kontext".


Hören Sie das Interview auf Deutsch (MP3 Format)


Herzlichen Glückwunsch zum Leibniz-Preis, Herr Professor Quack. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Es ist eine ganz große Ehre. Ich bin extrem glücklich darüber und durchaus auch ein wenig stolz, wie Sie sicher verstehen können. Es ist eine sehr hohe Auszeichnung und das hat mich sehr beeindruckt. Es ist umso erfreulicher für die Ägyptologie in Heidelberg, weil wir gerade das 100-jährige Bestehen des Ägyptologischen Instituts feiern. Wenn gerade zu diesem Zeitpunkt ich als erster Ägyptologe Deutschlands überhaupt den Leibniz-Preis erhalte, dann ist das noch viel mehr Grund zum Feiern.


Die Deutsche Forschungsgemeinschaft betont, dass Ihre Arbeit den Zugang zur griechisch-römischen Epoche der ägyptischen Kulturgeschichte eröffnet. Weshalb beschäftigen Sie sich genau mit dieser Epoche?

In dieser Epoche kommen sehr viele kulturelle Traditionen zusammen. Durch die griechische Eroberung gibt es eine Fremdherrschaft mit substantiell neuen Bevölkerungsgruppen, die ins Land kommen, sich mit den Traditionen ihres neuen Landes auseinandersetzen und auch den Ägyptern neue Traditionen bringen. Das ergibt dann Situationen komplexer kultureller Interaktionen - sehr vielfältig - die aufzuspüren ausgesprochen reizvoll ist.

Zweiter interessanter Punkt ist, dass die Menge der völlig unbearbeiteten Texte aus dieser Zeit sehr groß ist. Hier muss man noch Basisarbeit leisten, aber man kann es auch. Es gibt Reste von Tempel-Bibliotheken aus dieser Zeit, bei denen ich an vorderster Front einer kleinen Forschergruppe mitarbeite. Und diese Ergebnisse werden die Ägyptologie eben substantiell weiterbringen und auch für viele Nachbarfächer ausgesprochen interessante Resultate liefern.


Am Exzellenzcluster „Asien und Europa im globalen Kontext“ koordinieren Sie das Forschungsprojekt „Medizinische Systeme im Wandel“. Was sind die Kernfragen dieses Projektes?

Das ist ein Projekt, das gemeinsam von der Altorientalistik und der Ägyptologie betrieben wird. Projektleiter von der Altorientalistik her ist Professor Stefan Maul, der übrigens ebenfalls Träger des Leibniz-Preises ist. Es geht darum, im Verlauf relativ langer Zeiten die Medizin-Systeme anzuschauen, die sich in Ägypten und im Alten Orient entwickelt haben und die auch in Interaktion mit Griechenland getreten sind.

Wir untersuchen, wie sich die Systeme wandeln. In älterer Zeit sind die großen alten Hochkulturen sicher dominant. In der hellenistischen und römischen Zeit kann man dagegen sehen, dass sich die griechischen Ideen und Praktiken ausbreiten und teilweise offenbar auch als die modernere Medizin angesehen werden, aber die alten Traditionen nicht so leicht verdrängen können.

Besonders interessiert uns das vielfältige Zusammenspiel dieser Texte: Sind es nur Fragen der wissenschaftlichen Qualität und der Wirksamkeit, die Einfluss darauf nehmen, ob bestimmte Medizin-Systeme prioritär herangezogen werden, oder inwieweit spielen auch Fragen von Prestige einer als höher eingestuften Kultur bzw. auch politische Machtfragen eine Rolle?

Es gibt Teilprojekte, die sich primär der Aufarbeitung von Texten widmen. Meine eigenen Forschungen betreffen vor allem die Heilkulte und das Pilgerwesen, unter Heranziehung eines besonders wichtigen unpublizierten Papyrus hier in Heidelberg selbst, der Anrufungen an einen bedeutenden ägyptischen Heilgott enthält.


Desweiteren leiten Sie das Forschungsprojekt „Orientalische Kulte“ am Cluster. Was sind die Forschungsziele dieses Projektes?

Auch dieses Projekt ist ein Gemeinschaftsprojekt, in diesem Fall zusammen mit Professor Christian Witschel von der Alten Geschichte. Wir untersuchen hier, wie sich vor allem in der Römerzeit bestimmte Kulte im ganzen Römischen Reich und teilweise sogar über dessen Grenzen hinaus ausbreiteten, die ihren Ursprung oder zumindest ihren behaupteten Ursprung im Orient haben.

Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Kult der Göttin Isis – eine traditionell ägyptische Göttin, bei deren Kult die Anbindung des griechischen und römischen Materials an die ägyptischen Traditionen relativ gut fassbar ist. Dabei untersuchen wir insbesondere späte ägyptische Texte, denn sie zeigen, dass es innerägyptische Entwicklungen des Isis-Bildes gibt und diese Entwicklungen führen dann einigermaßen logisch und kontinuierlich hin zu dem, was wir aus griechischen und lateinischen Texten kennen.

Der zweite Fall betrifft den Mithras-Kult, von dem in der Antike behauptet wird, er komme aus Persien. In der Neuzeit ist jedoch stark umstritten, wie sehr er wirklich aus Persien kommt und in welchem Umfang er eher eine römische Erfindung oder zumindest substantielle Umformulierung sein könnte.

Es geht uns also darum zu schauen: Sind diese Kulte, die sich ausbreiten, ursprünglich fremde Kulte? Wie werden sie von den Griechen und Römern dann zu ihren eigenen gemacht? Wie verhält sich das in bestimmten Provinzen des römischen Reiches, in denen die ägyptischen und die griechisch-römischen Götter eigentlich ganz fremd sind? Und inwieweit kommen die religiösen Traditionen, die eine Überformung im Römischen Reich erfahren haben, dann zurück in die Länder der Herkunft und beeinflussen ihrerseits dort die Kulte?


Welchen Forschungsthemen werden Sie sich dank der Fördermittel künftig intensiver widmen?

Ich werde einen Teil des Geldes verwenden, um mir mehr Zeit für die Forschung zu verschaffen, indem ich z.B. finanzierte Frei-Semester beantrage. Dadurch möchte ich meine persönlichen Papyrus-Editionen voranbringen - ein paar davon habe ich in diesem Gespräch schon angesprochen. Hinzu kommen andere Texte, insbesondere, als wichtigster überhaupt, ein Forschungsgegenstand, der mich seit inzwischen etwa 15 Jahren umtreibt und durch diese Förderung hoffentlich zu einem beschleunigten Ende geführt werden kann: die Arbeit an dem „Buch vom Tempel“.

Das ist ein sehr umfangreiches Handbuch über einen idealen ägyptischen Tempel: Seine Architektur -welche Räume vorhanden und wie die zueinander angeordnet sein sollen -, Angaben über Priester im Allgemeinen, ihre Versorgung, Eide, die bei der Weihe geschworen werden müssen, Dienstpflichten und Personalstärke sowie die Anrechte auf Dinge wie eine Statue im Tempel oder Balsamierung auf Kosten der öffentlichen Hand. Es ist ein ganz gewaltiges Handbuch, das in Ägypten selbst schon einmal von einer älteren in eine jüngere Sprachstufe übersetzt wurde, und es gibt auch noch mindestens eine Handschrift mit einer griechischen Übersetzung.

Bislang ist dieses Material ganz weitgehend unpubliziert. Ich persönlich kenne inzwischen fast 50 verschiedene Handschriften, die ich sehr über die Welt verstreut in gut einem Dutzend verschiedener Sammlungen aufgefunden habe. Die Suche ist noch nicht ganz abgeschlossen. Ich hoffe, dass ich auch durch bezahlte Forschungsreisen, die ich mit diesem Geld finanzieren kann, noch etwas mehr finde und dann wird es an die Aufarbeitung gehen, d.h. die Übersetzung, sprachliche und inhaltliche Kommentierung.

Dies ist also der größte Forschungsgegenstand, dem ich mich widmen möchte. Daneben habe ich noch einige weitere Forschungsprojekte, die teilweise auch im Zusammenhang des SFB „Ritualdynamik“ stehen, z.B. eine Neubearbeitung eines wichtigen Königs-Rituals und ein Buch über ägyptische Amulette und ihre Symbolbedeutung.
     


Werden Sie auch Nachwuchswissenschaftler unterstützen?

Die Verleihung des Leibniz-Preises ist, soweit ich sehe, auch an die Hoffnung geknüpft, dass man substantiell etwas für den wissenschaftlichen Nachwuchs macht und dieser werde ich auch sehr gerne nachkommen. Ich habe vor, bestimmte Projekte zu starten, bei denen auch andere Personen Texte erstmals bearbeiten sollen. Gerade weil es in diesem Bereich sehr wenige Leute gibt und man nicht so ohne weiteres fertig Ausgebildete findet, möchte ich Stipendien für fortgeschrittene Studierende anbieten. Durch die finanzielle Unterstützung sollen sie hier nach Heidelberg kommen und ein Studium genießen können, das spezifisch auf die Kompetenzen fokussiert, die für solche Papyrusbearbeitungen gebraucht werden - in der Hoffnung, dass diese Leute sich dann forscherisch gut entwickeln und zum Abschluss mit Qualifikationsarbeiten in diesem Bereich mit finanzieller Unterstützung weitermachen können.


Herr Professor Quack, vielen Dank für das Gespräch. 


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